Verkauf als Nachfolgemöglichkeit für Ärzte durch Finanzinvestoren Die Nachfolge regeln

Seit rund drei Jahren spielen Verkäufe an Finanzinvestoren im Healthcare eine immer größere Rolle. Finanzinvestoren haben die Branche für sich entdeckt. Daran wird auch die Coronakrise nichts ändern.

Das Coronavirus SARS-CoV-2 (Covid-19) hat Auswirkungen auf das Leben nahezu aller Menschen. Deutschland ist bislang unter medizinischen Aspekten vergleichsweise gut durch die Coronakrise gekommen. Die drohende Überlastung des Gesundheitssystems konnte in den vergangenen Monaten erfolgreich vermieden werden. Die Wirtschaft hat dennoch sehr unter den schwierigen Rahmenbedingungen des Lockdowns zu leiden. Die Arbeitslosenzahlen werden steigen und klassische Geschäftsmodelle geraten immer mehr ins Wanken. Manche Branchen wie Tourismus, Gastronomie und Luftfahrt sind überproportional von den Auswirkungen betroffen. Es sind aber auch langsame Erholungstendenzen in einigen Branchen erkennbar (Technologie, Gesundheitssektor und Anlagenbau) und nicht alle Branchen sind in gleichem Maße von den Krisenauswirkungen betroffen.

Corona und M&A vertragen sich nicht

Krisen sind gleichbedeutend mit einem hohen Maß an Unsicherheit. Unsicherheit bedeutet für Investoren Risiken. Je unkalkulierbarer die Risiken sind, desto risikoaverser verhalten sie sich. Während der Coronakrise ist wegen dieser massiven Unsicherheit der Markt für Firmenübernahmen fast vollständig zum Erliegen gekommen. Umfragen zeigen, dass die Anzahl der Transaktionen 80 bis 90 Prozent rückläufig war. Verkäufer sind verunsichert, strategische Investoren kämpften z.T. um das Überleben ihrer Firmen. Finanzinvestoren fokussieren sich auf ihre Bestandsengagements. Banken unterstützen Unternehmen mit Liquidität der KfW. Dennoch wird die Zahl der Unternehmensinsolvenzen nach dem Auslauf des COVID-19-Insolvenzaussetzungsgesetz (COVInsAG) zum 30. September 2020 oder u.U. nach Verlängerung ab 31. März 2021 zunehmen. Auch das Gesundheitswesen hat mit z.T. rückläufigen Patientenzahlen zu kämpfen. Patienten verschieben nicht medizinisch notwendige Behandlungen. Die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie im Gesundheitssektor sind im Vergleich mit anderen Branchen nicht bedrohlich. Das Investoreninteresse ist nach wie vor groß. Gerade in den letzten Wochen ist eine Wiederbelebung von Verkäufen spürbar. Gegebenenfalls kann der Gesundheitssektor durch Corona sogar profitieren. Grundsätzlich gute Voraussetzungen für erfolgreiche Verkäufe von Kliniken, Medizinische Versorgungszentren (MVZs) oder größeren Praxen.

Verkauf an Finanzinvestoren als Nachfolgemöglichkeit

Verkaufsinteresse kann viele Gründe haben: fortgeschrittenes Alter und/oder exogene Schocks wie z.B. die Coronakrise, die manche Eigentümer vor große Herausforderungen stellen. Hier spielen v.a. zusätzlicher Investitionsbedarf u.a. für Digitalisierung, Innovationen und schlagkräftige Finanzkraft eine Rolle. Es ist nachvollziehbar, dass mancher Eigentümer im höheren Alter zusätzliche finanzielle Risiken vermeiden möchte. In diesen Fällen kann ein Verkauf an strategische Investoren oder Finanzinvestoren eine sinnvolle Option darstellen.

Ein Investment in MVZs oder Klinken ergibt für Investoren einige Vorteile: systemrelevantes Investment, konjunkturunabhängige und damit relativ stabile Cash-Flows und hohes Potenzial aufgrund der zunehmenden Alterung der Gesellschaft. Finanzinvestoren investieren in der Regel in konsolidierungsfähige Branchen. Im Anschluss an ein Erstinvestment (Plattform) werden weitere Einheiten hinzugekauft, um Marktanteile auszubauen und Skalierungseffekte zu nutzen. Dieser Prozess wird als Buy-and-Build-Strategie bezeichnet.

Was suchen Investoren?

Krankenhäuser, (Privat)-Kliniken, MVZs bis hin zu großen Einzelpraxen (BAG oder GbR – eine GmbH-Umwandlung vor dem Verkauf ist nicht zwingend) kommen für Investoren in Frage. In der Vergangenheit haben sich v.a. Finanzinvestoren auf die Übernahme von größeren Ketten und großen MVZs konzentriert. Wir erwarten in den kommenden Jahren den Trend auch zu kleineren Übernahmen. Dadurch können Investoren zusätzliches Wachstum generieren. Bereits ab einem Jahresüberschuss von 300.000 bis 400.000 Euro p.a., befassen sich Investoren in der Regel mit dem Projekt.

Bei vielen Einrichtungen sind die Ertragszahlen im I. Hj. 2020, bedingt durch die Corona-Pandemie, vorübergehend unter Druck geraten. Diese Einmaleffekte können im Verkaufsprozess adjustiert werden und müssen sich nicht zwingend negativ auf die zu erzielenden Verkaufspreise auswirken. Inwieweit sich Ansätze wie ein bereinigtes EBITDA-C(orona) als Bewertungsmaßstab für Transaktionen durchsetzen, bleibt abzuwarten. Corona hat höchstwahrscheinlich ebenso Auswirkungen auf Vertragsinhalte. So wird in manchen Fällen die Aufnahme von MAC-Klauseln (material adverse change) diskutiert. Hierbei beansprucht der Käufer unter Eintritt von wesentlich nachteiliger Veränderungen ein Rücktritts- oder Kaufpreisnachbesserungsrecht.

Welche Fachbereiche sind gefragt?

Einige Fachrichtungen verzeichnen bei Investoren besonderes Interesse. In der Vergangenheit sind einige Plattformen gestartet, die weiter anorganisch (durch Zukäufe) wachsen möchten – trotz Corona. Augen-, Zahn-, Orthopädie-MVZs, Reha-Einrichtungen, (Tages-)Kliniken und Privatklinken für Psychosomatik, Dialysezentren, Radiologiezentren, Onkologische- und Pflegeeinrichtungen (betreutes Wohnen, Senioren- und Intensivpflege) stehen im besonderen Fokus der Finanzinvestoren. Aber auch in Nischenbereichen (Beautykliniken, Dermatologiezentren und Tierärzten) sind weiterhin Transaktionen bzw. ein wachsendes Käuferinteresse zu verzeichnen.

Warum an einen Finanzinvestor verkaufen?

Seit Jahren steigen die Anforderungen v.a. im medizinischen Umfeld: Digitalisierung, Gesetzesänderungen und Regularien binden bei den Eigentümern ein hohes Maß an Kapazitäten. Auch Themen wie Personal(-mangel) und Abrechnungsmanagement sind klassische Managementthemen, mit denen sich Gesellschafter befassen müssen. Nicht zuletzt wirtschaftliche Risiken von exogenen Schocks wie z.B. Corona erfordern erhebliche Managementkapazitäten. Oft bleibt nur wenig Zeit, sich um die Patienten zu kümmern und die Umsätze zu sichern oder gar auszubauen. Zentralfunktionen können nach einem (Teil-)Verkauf durch die betriebswirtschaftliche Kompetenz eines Investors ergänzt bzw. vollumfänglich übernommen werden. Hierdurch können sich behandelnde Mediziner wieder verstärkt auf die fachliche Patientenbetreuung oder das Wachstum der MVZs konzentrieren.

Organisation des Verkaufs­prozesses und Verhandlung

Finanzinvestoren sind Profis und haben, im Gegensatz zum Verkäufer, einige 100 Transaktionen verhandelt. Der M&A-Berater vertritt ausschließlich die Interessen des Verkäufers und verfügt über Erfahrung aus einer Vielzahl von M&A-Transaktionen. Somit ist sichergestellt, dass kein Ungleichgewicht zwischen den Verhandlungspartnern entsteht. ConsultingKontor führt den gesamten Prozess, von der Unterlagenerstellung (Factbook, Finanzplanung) über die Auswahl und Ansprache der potenziellen Käufer bis hin zur Begleitung der Prüfung (Due Diligence) sowie den Kaufvertrags- und Kaufpreisverhandlungen. Insbesondere in einem Bieterverfahren mit vielen aktiven Bietern ist der Verkaufsprozess zeitaufwändig. Es gilt Fragen professionell und schnell zu beantworten, Unterlagen aufzubereiten, Risiken zu erkennen und ganz wichtig: den Kaufpreis durch Einsatz von professionellen Verhandlungsstrategien im Sinne des Verkäufers zu optimieren.

Ausblick

Und nun: alles schlimm? Eher nicht! Auch wenn die Herausforderungen durch die Corona-Pandemie groß sind, läuft der M&A-Markt im Gesundheitssektor langsam wieder an. Corona wird kein Gamechanger für das M&A-Geschäft. Dennoch sind die Auswirkungen groß und die weitere Entwicklung hängt davon ab, ob und wann eine zweite Infektionswelle kommt. Insbesondere die Frage, wann ein Impfstoff für die breite Bevölkerung verfügbar ist, wird die Entwicklung im kommenden Jahr prägen. Trotz des hohen Maßes an Unsicherheit bei Verkäufern, Käufern und finanzierenden Banken wird sich der Markt für Übernahmen auf künftige Herausforderungen einstellen und ab spätestens Anfang 2021 in eine neue Normalität finden. Investoren werden nach Zurückhaltung der vergangenen Monate ihre Investmentstrategien anpassen und sich den Herausforderungen aktiv stellen. Die Voraussetzungen für erfolgreiche Transaktionen im Gesundheitssektor sind im Vergleich zu anderen Branchen überdurchschnittlich gut. Insofern wird es in den kommenden Monaten erfolgreiche (Nachfolge-)Transaktionen geben.