Assistierter Suizid -

Palliativmedizin Die Medizin muss sich dem Tod beugen

Trotz enormen Fortschritts in Diagnostik und Therapie muss sich die Hochleistungsmedizin dem Sterben beugen. Das hat Dr. Michael de Ridder, Notfallmediziner und Mitglied im Kuratorium im Vivantes-Hospiz, angemahnt. Er sieht Wissenslücken bei vielen Ärzten.

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De Ridder stellt die Frage, wann ein Mensch – hochbetagt und chronisch krank – sterben darf. „Wenn der Arzt zustimmt, wenn das therapeutische Arsenal ausgereizt ist?“, formuliert er auf der 13. Plattform Gesundheit des IKK. Gerade letzteres dominiert de Ridder zufolge ärztliches Handeln am Lebensende „immer noch all zu oft“. Viele Ärzte fühlten sich verpflichtet oder auch gedrängt, alles zu tun, um das Leben Kranker zu erhalten. Das Ende aber nicht selten in einer fragwürdigen, „kaum noch human zu nennenden Behandlung“. Gründe seien ökonomische Erwägungen und eine falsche Haltung: Der ärztliche Auftrag bestehe nicht allein darin, Kranke zu heilen. Der palliative Aspekt trete in den Vordergrund, wenn die Mittel der Heilung und Lebensverlängerung nicht mehr von einer medizinischen Indikation getragen und vom Patientenwillen gedeckt seien. Beide Aufträge gehorchten dem Wohl des Patienten – allein dem sei ausnahmslos jedes ärztliche Handeln verpflichtet. „Gleichwohl neigt die Ärzteschaft immer noch zu einer Minderbewertung des Palliativauftrags“, sagt de Ridder. „Wir können nichts mehr tun“, sei ein nicht selten zu hörendes Urteil von Ärzten, das „fast einem ärztlichen Kunstfehler“ gleichkomme. Medizin könne und müsse immer etwas tun – wenn nicht heilen, dann palliativmedizinisch versorgen. De Ridder betont, nicht nur der Patient, auch die Medizin müsse „loslassen“ können. Ärzte dürften sich nicht die Frage stellen, ob sie aufhören müssten, sondern ob sie noch weiterbehandeln dürften.

Eine „erstaunliche Unwissenheit eines großen Teils der Ärzteschaft und der pflegenden Berufe über die rechtlichen Grundlagen ihres Handelns“ sind laut de Ridder ein weiterer Grund für falsche ärztliche Entscheidungen am Lebensende. Dabei habe der Bundesgerichtshof den Ärzten höchstrichterlich ins Stammbuch geschrieben, dass das Zulassen des natürlichen Sterbens mit lindernden Maßnahmen gemäß den Patientenwünschen nichts mit aktiver Sterbehilfe zu tun habe. Trotzdem glaubten viele Ärzte noch immer, dass im Zustand terminaler Erkrankung das Einstellen einer künstlichen Ernährung, der Dialyse oder Beatmung aktives ärztliches Handeln im Sinne der Todesursächlichkeit sei. Für de Ridder ein „fataler Irrtum“. Er fordert von Ärzten, das Sterben zuzulassen. Sie müssten sich immer vor Augen führen, dass Lebensverlängerung nicht Selbstzweck sein dürfe.

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