Intensivmedizin Die Achillesferse der Notaufnahme

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Ethik

Über Ethik in der Notaufnahme diskutierten vom 1. bis 3.Dezember 2021 Expertinnen und Experten auf dem virtuellen Kongress der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI).

Notaufnahme Krankenhaus
In der Notaufnahme einer Klinik wird das ärztliche Personal oft mit besonderen ethischen Problemen konfrontiert. – © KB3 (stock.adobe.com)

„Prognostische Unsicherheit ist die Achillesferse auf dem Weg zu einer ethisch gut begründeten Entscheidungsfindung in der Notaufnahme“, sagt Dr. Annette Rogge, Oberärztin für klinische Ethik am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. In der Notaufnahme gebe es besonders viele Unsicherheitsfaktoren. „In der Regel kommen unbekannte Patienten und Patientinnen, es fehlen häufig Zusatzinformationen zur Anamnese oder anderen Erkrankungen. Gleichzeitig besteht der Zwang zu einer schnellen Entscheidung“, betont Rogge.

Intensivmedizinische Behandlung

In der aktuellen pandemischen Lage müssen sich in der Medizin Tätige damit auseinandersetzen, wie potenziell knappe intensivmedizinische Ressourcen „gerecht und ethisch gut begründet“ vertreten werden können. Dabei orientiert man sich laut Empfehlung der Fachgesellschaften an der Erfolgsaussicht, die intensivmedizinische Behandlung zu überleben. Man könne sich vorstellen, was das für eine schwierige und komplexe Aussage beinhalte. Prognostische Unsicherheit könne man u.a. durch Big Data reduzieren. Trotzdem müsse der Behandler noch eine prognostische Aussicht machen. Ein Rest Unsicherheit verbleibe.

In der Zusatzweiterbildung Klinische Akut- und Notfallmedizin kommen Ethik und Palliativmedizin nicht vor, kritisiert Prof. Guido Michels, Chefarzt am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler. Im Moment kämen zwei bis zehn Prozent der Patienten und Patientinnen mit einem palliativen Ansatz in die Notaufnahme, in Zukunft werde man wegen des demografischen Wandels etwa 40 Prozent haben. Er fordert darum: „Wir müssen viel mehr an dieses Konzept Sterben in der Notaufnahme denken. Mediziner und Medizinerinnen müssten Sterben erkennen, um es zuzulassen. In dieser Situation ist die Medizin im Sinne der Kuration nicht an oberster Stelle, wir brauchen menschliche Zuwendung.“

Dr. Susanne Jöbges, Institut für Bioethik der Universität Zürich , sagt: „Es ist eine der größten Herausforderungen in der Notaufnahme, jemanden sterben zu lassen. Dieses Zulassen glaube ich, fällt uns sehr, sehr schwer.“