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Vom Labor zum Patienten Der steinige Weg der Krebsforscher

Krebsforscher brauchen Geduld und gute Nerven: Bis eine neue Therapie den Patienten erreicht, vergehen Jahre und werden zig Millionen Euro gebraucht. Ein mühsames Geschäft – mit Erfolgsaussichten.

Es ist ein ehrgeiziges Ziel: In zehn bis 20 Jahren will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) den Krebs bezwungen wissen. Die Aussage rückt die Krebsforschung in den Fokus der Öffentlichkeit. Auch deutsche Wissenschaftler arbeiten an neuen Therapien – doch der Weg dorthin ist oft steinig.

Gerade hat die Deutsche Krebsgesellschaft in Heidelberg die Deutschen Krebspreise (am Donnerstag, dem 28. Februar 2019) verliehen. Einer der vier Preisträger ist Roland Rad. Er leitet das Institut für Molekulare Onkologie am Krebsforschungszentrum der TU München. Mediziner, Biochemiker, Ingenieure und Informatiker arbeiten hier unter einem Dach. Ihr Ziel: Laborergebnisse zügig in die klinische Anwendung bringen. Die zeitliche Einordnung «zügig» ist im Zusammenhang mit Krebsforschung aber eher relativ. Bis ein Wirkstoff tatsächlich als Arznei in den Apotheken landet, vergehen nicht selten zehn oder mehr Jahre. Auch weil neue Medikamente vor der Zulassung ausgiebig getestet werden müssen. Andererseits, sagt Rad, sei erst in den 70er Jahren überhaupt herausgefunden worden, was Krebs ist – eine Folge einer Schädigung des Erbguts.

Über die Schlüssel, den Krebs zu besiegen

«Die Erkenntnisse, die seitdem erzielt wurden, sind unglaublich – und das hat niemand voraussagen können.» Entwicklungen in der Wissenschaft seien selten linear. «Da gibt es eine große Entdeckung und dann gibt es exponentielles Wachstum in dem Forschungsfeld», sagt Rad und erinnert an die Entschlüsselung des menschlichen Genoms. Für die Behandlung von Bauchspeicheldrüsenkrebs, dem Schwerpunkt von Rad, gibt es bislang wenig Optionen. Einer der Gründe dafür: «Wir verstehen seine Biologie noch nicht.» Rad vergleicht eine Zelle mit einer Maschine mit vielen tausend Rädchen. «Und wir verstehen nur zum Teil, was da kaputt ist.» Sonst könnte man gezielt versuchen, dort anzugreifen.

Mit seinem Team hat Rad in Mausmodellen sogenannte springende Gene entwickelt. «Damit können wir das ganze Genom nach Krebsgenen scannen, also systematisch nach Genen suchen, welche Bauchspeicheldrüsenkrebs auslösen können. Diese Methode ist für jede Krebsart in jedem Organ einsetzbar und wird jetzt weltweit benutzt.» Die Biologie des Krebses zu verstehen sei ein Schlüssel auf dem Weg, ihn zu besiegen, so Rad.

Ein anderer sei die Immuntherapie, die bei einigen Krebsarten große Fortschritte erziele. Auf dieses Gebiet ist z.B. das Mainzer Unternehmen Biontech spezialisiert. «Immuntherapien helfen dem Immunsystem, die Krebszellen zu erkennen und zu zerstören», erklärt Manager Sean Marett. Krebszellen hätten hochkomplexe Mechanismen entwickelt, um sich vor dem Immunsystem zu verbergen. Neue Immuntherapie-Ansätze zielten darauf ab, das Immunsystem spezifisch zu aktivieren und eine langfristige Anti-Tumor-Wirkung auszulösen. «Wenn sich Tumorzellen nicht länger vor den Zellen des Immunsystems verstecken können, haben sie weniger Chancen, sich ungestört zu vermehren.» Gründer von Biontech ist der Mainzer Onkologie-Professor Ugur Sahin, der ebenfalls mit dem Deutschen Krebspreis ausgezeichnet worden ist.

Hohe Kosten

Dass Krebsforschung ein besonderes Maß an Geduld erfordert, weiß auch Simon Moroney, Chef des Münchner Aktienunternehmens Morphosys. Bis zum allerletzten Schritt – der Zulassung durch die Behörden – sei nicht klar, ob die Arznei wirklich auf den Markt komme. Eine Firma müsse auf Risiko über Jahre mehrere Hundert Millionen Euro investieren, ohne eine Sicherheit zu haben. Gerade für die Start-Up-Branche in Deutschland sei es kaum denkbar, allein in der Hoffnung, dass es klappt, so viel Geld zu investieren. Für kleinere Firmen sei es eher ein Geschäftsmodell, die ersten Schritte zu machen und das Produkt dann zu verkaufen, sagt Moroney.

Geldgeber müssten bereit sein, in fünf oder zehn Wirkstoffprojekte zu investieren, bevor sie einen Gewinn erzielten. «Ich bin absolut davon überzeugt, dass alles schneller gehen würde mit mehr Geld. Ohne Frage.» In den USA sei die Risikobereitschaft von Investoren größer.

Dass der Weg von der Entwicklung einer Substanz im Labor bis zur klinischen Umsetzung Jahre dauere und «wahnsinnig teuer» sei, sagt auch Olaf Ortmann, Präsident der DKF. Die Kosten seien jedoch nicht nur in der Dauer begründet. «Sondern in der Heterogenität von Krebs. Wenn eine Frau Brustkrebs hat, dann gibt es eben vier bis fünf molekulare Subtypen die auch unterschiedlich behandelt werden.» Rad von der TU München sagt, in der akademischen Forschung habe sich die finanzielle Situation verbessert. Das Forschungsministerium investierte nach eigenen Angaben 2017 und 2018 270 Millionen Euro in die Krebsforschung.

Insgesamt, so sind sich die Experten einig, tut sich enorm viel in der Krebsforschung – etwa bei Vorsorge und Behandlung von Darm- und Brustkrebs. Die Zehn-Jahres-Überlebensraten von Brustkrebs sind nach Früherkennungs-Screenings bei über 90 Prozent, sagt Ortmann. «Das ist natürlich immens gut.» Umso mehr gelte es, die Forschung voranzutreiben. Ortmann sieht drei große Faktoren:

  • die Ärzte, die ihre Krebspatienten erfolgreich behandeln wollen,
  • das Gesundheitssystem mit den verantwortlichen Ministerien sowie
  • die Patienten, deren Sichtweise noch stärker in der Forschung berücksichtigt werden sollte.

Wissenschaftler dürften die Patienten nicht aus dem Blick verlieren, denn die Forschung ende nicht mit einem Ergebnis und dessen Veröffentlichung in einem Fachjournal, sondern müsse in den Klinikalltag überführt werden.

Und Preisträger Rad verweist auf die Nachwuchsforscher. «Man muss vermitteln, wie faszinierend es ist, Wissenschaft zu machen.» Die sei zwar häufig sehr mühsam und bedeute auch Frustration. «Denn vor jeder Erkenntnis gibt es zehn Sackgassen. Aber es folgt die Belohnung.»

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