Forschung -

Depression: Ein Drittel aller Schlaganfall-Patienten betroffen

Die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) empfiehlt anlässlich des Weltschlaganfalltags, Patienten nach einem Schlaganfall frühzeitig auf depressive Symptome zu untersuchen.

"Für Menschen, die von heute auf morgen halbseitig gelähmt sind, ihre Sprachfähigkeit verloren haben oder nur noch eingeschränkt sehen können, ist Niedergeschlagenheit bis hin zur Depression eine verständliche Reaktion", sagt Prof. Dr. Matthias Endres, Direktor der Klinik für Neurologie an der Berliner Charité. Jeder dritte Patient erleide eine sogenannte Post-Schlaganfall-Depression, so Endres. Besonders häufig betroffen seien Frauen, ältere Menschen und solche ohne soziale Unterstützung.

Depression als biologische Folge eines Schlaganfalls

Endres weist darüber hinaus darauf hin, dass Depression nicht nur eine psychische Reaktion, sondern auch eine biologische Folge des Schlaganfalls sein kann. "Offensichtlich spielen biologische Mechanismen eine Rolle, die durch den Schlaganfall im Gehirn ausgelöst werden", sagt der DSG-Experte. Dies erkläre beispielsweise, warum Depressionen nach einem Schlaganfall häufiger seien als bei orthopädischen Erkrankungen mit vergleichbarem Behinderungsgrad.

Hirnzellen können stabilisiert werden

Aus seiner Sicht können Medikamente helfen. Zum Einsatz kommen laut Endres Mittel, die die Übertragung von Nervenimpulsen durch den Botenstoff Serotonin steigern. Diese sogenannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmer oder SSRI hätten bei Schlaganfall-Patienten möglicherweise einen Zusatznutzen, sagt er. "Tierexperimentelle Studien haben gezeigt, dass SSRI die Funktion von Hirnzellen stabilisieren und in einigen Hirnregionen die Neubildung von Hirnzellen anregen", berichtet Endres. "Im Schlaganfall-Modell beugen sie nicht nur dem Auftreten von depressivem Verhalten vor, sondern können das Absterben von Nervenzellen verhindern."

Studie bestätigt Wirksamkeit von SSRI

Das habe eine Studie bestätigt: In ihr behandelten Ärzte Schlaganfall-Patienten prophylaktisch mit SSRI Fluoxetin oder Plazebo, unabhängig davon, ob sie unter Depressionen litten oder nicht. Nach drei Monaten hätten sich die SSRI-Patienten nicht nur psychisch besser erholt als die der Plazebo-Gruppe, sondern hatten auch eine größere Beweglichkeit zurückerlangt. Daher seien Antidepressiva von großer Bedeutung für die Rehabilitation nach Schlaganfällen, erklärt Prof. Joachim Röther von der Asklepios Klinik in Hamburg-Altona. Fluoxetin sei gut verträglich, in der Behandlung der Depression lange erprobt und kostengünstig. Für einen prophylaktischen Einsatz von SSRI in der Routine werde aber weitere Evidenz aus klinischen Studien benötigt, sagt er.

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