Demenz: Klinische Leitlinien haben Ethik-Lücken

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Das Ergebnis: Die national unterschiedlichen klinischen Leitlinien zur Demenz sprechen durchschnittlich nur rund die Hälfte von 31 wichtigen ethischen Herausforderungen an.

„Die Leitlinien weisen nur 22 Prozent (Schweiz) bis 77 Prozent (USA) von 31 wichtigen ethischen Herausforderungen auf“, erläutert Prof. Dr. Dr. Daniel Strech vom MHH-Institut für Geschichte, Ethik und Philosophie der Medizin. Elf Leitlinien erwähnten vier ethische Herausforderungen überhaupt nicht – beispielsweise die adäquate Berücksichtigung von Patientenverfügungen und Betreuungsvollmachten oder den angebrachten Umgang mit Lebensmüdigkeit. Die deutsche Leitlinie nennt 17 Herausforderungen explizit. „Sie beschreibt beispielsweise sehr ausführlich die Herausforderung bei der Aufklärung über die Diagnose. Und sie thematisiert – anders als viele Leitlinien – kulturelle Herausforderungen im Umgang mit Demenz“, erklärt Strech. Offen bleibe jedoch u.a., wie mit Zwangsmaßnahmen, versteckter Medikamentengabe oder Lebensmüdigkeit umgegangen werden sollte. „Ethische Aspekte sollten besser in klinische Leitlinien integriert werden. Um zu erarbeiten, wie dies geschehen kann, veranstalten wir baldmöglichst einen internationalen Workshop“, mahnt Strech.

Die Leitlinien sind von unterschiedlichen Experten entworfen worden. Sechs von staatlichen Institutionen (Australien, Frankreich, Malaysia, Neuseeland, Singapur, Großbritannien), vier von medizinischen Fachgesellschaften (Kanada, Deutschland, Schottland, USA), eine von einer Krankenkasse in Kooperation mit einer Medizinischen Universität (Österreich) und eine von einer Expertenkommission (Schweiz).