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Digitalisierung Datenspenden ist das neue Blutspenden

Die Coronakrise zeigt, worin die Zukunft der Gesundheitsbranche liegt: Digitalisierung, Sicherheit und Design. Burkhard Müller, Digitalchef der Designberatung MUTABOR, über zukünftige Entwicklungen und warum Design über Erfolg und Leben entscheiden kann.

Topic channels: Informationstechnik und Digitalisierung

Das deutsche Gesundheitswesen ist eines der Besten in der Welt. Entsprechend niedrig sind das Bedürfnis der Bevölkerung und der Druck der Politik, dass der Gesundheitssektor den nächsten evolutionären Sprung macht. In Zeiten von Covid-19 müssen Ärzte, Kliniken sowie Alten- und Pflegeeinrichtungen jedoch noch schneller als sonst handeln. Täglich werden weltweit neue Erkenntnisse gesammelt und erstmals ist der gesamten Bevölkerung bewusst, dass die Geschwindigkeit in der dieses Wissen geteilt wird über Menschenleben entscheidet.

Exponentielle wachsende Verbreitung mit exponentiell wachsendem Wissen bekämpfen

Je mehr Daten über Symptome, Krankheitsverläufe und Maßnahmen, die zur Genesung führen und Wechselwirkungen bekannt sind, umso präziser kann eine Diagnose ausfallen und umso effektiver eine Behandlung wirken. Würden alle Daten über das Coronavirus tagtäglich zentral erfasst, wäre eine Software in der Lage, diese Daten in Echtzeit zu erfassen, zu kombinieren, Simulationen zu durchlaufen, Wahrscheinlichkeiten zu berechnen. So könnte jeder Mediziner auf das weltweite Wissen zugreifen, und seine eigenen Erkenntnisse ebenfalls dem Rest der Welt zu Verfügung stellen.

Ein gutes Beispiel ist ada . Das Health-Start-up aus Berlin setzt auf KI gestützte Symptomanalyse und eine besonders intuitive User Experience. Patienten können ihre Symptome ähnlich wie in einem direkten Arztgespräch im Dialog mit einem Chatbot angeben und erhalten eine Vordiagnose inklusive Wahrscheinlichkeit und Handlungsempfehlung. Umgekehrt unterstützt ada Ärzte auf dieselbe Weise, bessere Diagnosen in kürzerer Zeit zu treffen. Die App lernt so stetig hinzu. Ärzte profitieren vom Wissen aller anderen Ärzte, Patienten erhalten bessere Symptomanalysen.

Solch ein System, mit dem Wissen der Welt über das Coronavirus gefüttert, würde alle Menschen befähigen, bessere Entscheidungen zu treffen. Patienten können besser einschätzen, ob sie sich untersuchen lassen sollten, Pflegefachpersonen und Empfangspersonal können besser abwägen, ob Handlungsbedarf besteht, Ärzte können schneller Diagnosen treffen und die Maßnahmen ergreifen, die den größten Erfolg versprechen.

Datenspenden ist das neue Blutspenden

Die Coronakrise verdeutlicht, wieso eine Datenspende genauso zum Retten von Leben beiträgt wie eine Blutspende. Wir könnten jetzt richtig durchstarten, wäre da nicht der Datenschutz. Die Sorge ist berechtigt. Aus Gesundheitsdaten kombiniert mit Personendaten lässt sich viel herauslesen. Ich würde nicht wollen, dass Versicherungen, Banken oder Arbeitgeber anhand meiner persönlichen Gesundheitsdaten meine Leistungsfähigkeit, Belastbarkeit und das Risiko z.B. auf Erbkrankheiten berechnen. Es braucht ein System, dem wir vertrauen. Und dieses Vertrauen entsteht nur, wenn ich als Privatperson weiterhin die Kontrolle über meine Daten habe, niemand sonst.

Diese wichtige Diskussion wird gerade am Beispiel der Corona Tracing App geführt. Einer App die mich automatisch informieren soll, ob ich mit einem Corona-Infizierten in Kontakt war. Wenn wir möglichst schnell wieder ohne Grenzen leben wollen, dann braucht es mindestens eine europäische, besser eine weltweite Lösung. Im Moment gibt es mehrere Initiativen wie PEPP-PT und DP-T3, die eine sichere technische Grundlage für Tracing App bereitstellen wollen. Mitten in diese Diskussion stoßen Apple und Google mit einer einmaligen Allianz vor, um die technische Grundlage für sicheres, anonymes Tracing bereitzustellen. Es bleiben zwar noch offene Fragen, wie: »Wer stellt die Server und wie wird verhindert, dass hier nicht durch die Hintertür auf einzelne Geräte und damit Personen zurückgeschlossen werden kann?« Trotzdem haben Apple und Google den großen Vorteil, dass sie die Hardware stellen und wir sind bereits lange daran gewöhnt, mit ihnen unsere Fitness- und Health-Daten zu teilen.

Design fördert Vertrauen

Ein weiteres, oft unterschätztes Kriterium, ist die Bedienbarkeit. Jede App muss selbsterklärend und intuitiv bedienbar sein. Die Corona-Datenspende-App vom Robert Koch-Institut ist eine Textwüste, die mehr Fragezeichen aufruft, als das sie Sicherheit weckt. Beim eigenen Test bin ich nicht über die Eingabe der PLZ hinausgekommen, es gab auch keine Fehlermeldungen. Wenn nicht mal das funktioniert, wecken sich zumindest bei mir Zweifel, ob meine Daten in dieser App auch wirklich 100 prozentig sicher sind.  

Wir werden in den nächsten Monaten und Jahren viele konkurri erende digitale Services und Produkte entstehen sehen. In Deutschland werden wir auf absehbare Zeit auf Freiwilligkeit für die Nutzung solcher Dienste setzen. Die Bereitschaft wächst durch das Coronavirus jedoch sehr. Wir verstehen, dass das Spenden von Daten genauso Leben rettet, wie das Spenden von Blut. Um möglichst viele Menschen zum Teilen zu bewegen wird deshalb neben der Datensicherheit als Basis, eine intuitive User Experience und ansprechendes Interface-Design über die Gesundheit vieler entscheiden.

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