Gesundheitswirtschaftskongress 2021 Gemeinsames, neues Leitbild gefordert

Der dringende Wunsch nach Veränderung und Fortschritt war auf dem Gesundheitswirtschaftskongress in Hamburg spürbar. Bei den rund 40 Sessions zeigte sich, dass man auf der Suche nach einem neuen, gemeinsamen Ziel ist, um die „dringend erforderliche Neuordnung der Gesundheitsangebote“, wie es Kongresspräsident Professor Heinz Lohmann ausdrückte, erreichen zu können.

„Gesundheitswirtschaft quo vadis?“: So lautete die zentrale Fragestellung der Eröffnungsveranstaltung des Gesundheitswirtschaftskongresses 2021 in Hamburg. – © WISO HANSE management/Falk von Traubenberg

„Es gibt viel zu besprechen und auch zu verbessern. (…) Die Gesellschaft muss sich jetzt aus ihrer schleichend immer mehr eingetretenen Erstarrung befreien.“ Das gab Kongresspräsident Professor Heinz Lohmann in seiner Eröffnungsrede des diesjährigen Gesundheitswirtschaftskongresses den rund 350 Teilnehmenden am 21. und 22. September 2021 in Hamburg zu bedenken. Denn die „dringend erforderliche Neuordnung der Gesundheitsangebote“, könne nur als Gemeinschaftsleistung gestemmt werden – gemeinsam mit Gesellschaft, Bundespolitik und Landespolitik. Für das Gelingen dieses umfassenden Vorhabens braucht es ein „neues, gemeinsames Zielbild“ – von dem, was wir von Gesundheitsversorgung erwarten und was wir mit Gesundheitsversorgung erreichen möchten. Die Rede war dabei von gesundheitlicher Chancengleichheit aber auch von einem Umdenken und dem Fokus auf Prävention. Denn: „Wir behandeln Krankheiten und fördern nicht die Gesundheit“, wie Kongresspräsident und Senator a.D. Ulf Fink kritisierte. Nur vier Prozent der Gesundheitsausgaben fließen in die Prävention. Deshalb lautete auch sein Wunsch: „Wir brauchen für die Politik des 21. Jahrhunderts ein neues Leitbild.“

In der prominent besetzten Podiumsdiskussion mit dem Titel „Nach der Corona-Krise und vor der Bundestagswahl: Gesundheitswirtschaft quo vadis?“ diskutierten

  • Sabine Brase, M.Sc., Pflegedirektorin des Klinikums Oldenburg,
  • Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse,
  • Jürgen-Heiko Borwieck, Geschäftsführer von Philips,
  • Prof. Dr. Jörg F. Debatin, MBA, Chairman des health innovation hub des Bundesministeriums für Gesundheit,
  • Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG),
  • Han Steutel, Präsident des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller und
  • Dr. Reinhard Wichels, Geschäftsführer der WMC Healthcare GmbH

mit Moderator Lohmann über die wichtigsten Faktoren für eine Neuausrichtung. Dabei zeigten sich alle Podiumsmitglieder offen für einen organisierten Wandel, der alle Player miteinbezieht. „Wir stehen für Veränderung“, erklärte z.B. Gaß stellvertretenden für die deutsche Krankenhauslandschaft und wandte sich mit einer Bitte an die neue Regierung: Man möge nach der Wahl einmal kurz Inne halten und gemeinsam mit den Krankenhäusern reflektieren, in welche Richtung man gehen möchte, ehe man die ersten neuen Entscheidungen in der Gesundheitspolitik treffe.

Daneben blieben auch Themen wie Fachkräftemangel und Digitalisierung nicht außen vor. Beides gilt es wohl in den Griff zu bekommen, will man das „absurde Jahr“, das die Krankenhäuser laut Wichels hinter sich haben, bewältigen. Dabei kam auch die Ambulantisierung und ihre Chancen für eine optimierte Geundheitsversorgung und -finanzierung zur Sprache. Laut Debatin dürfe es aber „keinen Vor- und Nachteil für das eine oder das andere geben“. Er schlägt einen „dritten Topf“ für nicht rein stationär bzw. nicht rein ambulant erbrachte Leistungen vor. Brase bat bei all den Schritten in die Zukunft darum, die Pflege in die anstehenden Entscheidungsprozesse einzubinden. HCM-Autor Michael Reiter hat mir der Pflegedirektorin des Oldenburger Klinikums gesprochen und ihre Statements in einem Video eingefangen:

Leistungsgeschehen und Investition klaffen auseinander

Auf einen großen Nachteil in der Finanzierung von Gesundheitsleistungen hat Prof. Dr. Detlev Michael Albrecht in der Session „Gemeinschaftsleistung Gesundheit: Finanzierung aus allen Töpfen“ hingewiesen: „Wir erleben derzeit ein Auseinanderklaffen von Investition und Leistungsgeschehen.“ Er verwies damit auf dem Aspekt, dass in den DRGs keine investiven Teile vorgesehen sind und Krankenhäuser – auch private – einen sehr geringen Spielraum für Investitionen haben. Dabei kamen wie bereits in der Eröffnungsdiskussion die PDGs ins Gespräch – sogenannte Patient Related Groups – die dafür sollen, dass Patientinnen und Patienten stärker in den Fokus der Finanzierung gerückt werden. Das Fazit der Session um Moderator Karl Ferdinand Prinz von Thurn und Taxis kann man wohl so zusammenfassen: Ein neues Finanzierungssystem muss schnell kommen – „stückchenweise“ wird es nicht funktionieren.

Die Rolle des Krankenhausmanagements

„Die aktuellen Herausforderungen der Gesundheitswirtschaft erfordern Management, keine Verwaltung“, so lautete ein elementares Fazit der Session „Klinikmanager auf dem Abstellgleis: Vorfahrt für Verwalter“. Das Podium um Dr. Florian Gerster, Staatsminister a.D., war einstimmig der Meinung, dass das reine Verwalten innovationsfeindlich ist und es derzeit ein aktives Management in Healthcare-Einrichtungen braucht. Dabei stünden sich derzeit der Zeitgeist geprägt durch Rufe nach einem starken Staat und Unternehmertum bzw. echtes Management gegenüber. Um den Weg aus der Strukturkrise, der operativen Krise und der Überregulierung zu finden, dürfe man nicht warten bis eine neue Struktur gebildet werde, sondern müsse aus dem Management heraus aktiv mitgestalten.

Gesundheitswirtschaft – Sanierungsfall oder Wachstumsmotor?

Die Frage, ob die Gesundheitswirtschaft nach der Krise Sanierungsfall oder Wachstumsmotor ist, diskutierten

  • Dr. Petra Bohnhard, MBA, Geschäftsführerin am Klinikum Magdeburg,
  • Andreas Ellmaier, Leitender Ministerialrat und Leiter Gesundheit- und Pflegewirtschaft am Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege,
  • Dr. Pedram Emami, MBA, Präsident der Ärztekammer Hamburg,
  • Dr. Uwe Gretscher, Vorstandsvorsitzender der Kliniken Südostbayern und
  • Dr. Markus Horneber, Vorstandsvorsitzender bei Agaplesion

unter der Moderation von HCM-Chefredakteurin Bianca Flachenecker. Zu welchem Ergebnis das Podium dabei kam, welche Ansatzpunkte sich Ärzteschaft, Krankenhausmanagement und Politik wünschen sowie warum es mehr Vertrauen, Transparenz und einen Abschied von überbordenden Regulierungen braucht und die Krankenhäuser nicht allein den Herausforderungen der modernen Gesundheitsversorgung gegenüber gestellt werden dürfen, erfahren Sie in der Ausgabe 7 von HCM (Erscheinungstermin: 2. November 2021).

Kommt die Neuordnung?

„Die dringend erforderliche Neuordnung der Gesundheitsangebote kann nur als Gemeinschaftsleistung gestemmt werden. Die Bundespolitik und die Politik in den Ländern müssen ein neues gemeinsames Zielbild verfolgen, um diese dringend notwendigen Entwicklungen möglich zu machen. Dabei gilt es, Planungs- und Finanzierungsinstrumente zu harmonisieren. Ein patientenorientiertes, weiterentwickeltes DRG-System in Richtung PRGs für Spezialleistungen, verknüpft mit Regionalbudgets für die Grundleistungen, ist dabei ein wichtiges Element. Aber auch die Ausrichtung der Krankenhausplanung auf Leistungen und Qualität ist erforderlich. Die Mitwirkung der Krankenhausgesellschaften und der Kassenärztlichen Vereinigungen ist ebenfalls unverzichtbar. Ja, auch die kommunalen Gebietskörperschaften müssen ein großes Interesse entwickeln, konstruktiv mitzuwirken, ganz im Interesse ihrer Bürger. Der anstehende Wandel ist eine gewaltige Aufgabe, an der sich die Gesundheitsanbieter und ihre Partner aus den Industrie- und Sozialunternehmen, auch aus Eigeninteresse, aktiv beteiligen sollten“, resümierte Kongresspräsident Lohmann.

Termin für 2022 steht bereits fest

Im kommenden Jahr wird der Gesundheitswirtschaftskongress am 20. und 21. September 2022 in Hamburg stattfinden.

Alle weiteren Informationen finden Sie auf der Kongress-Website des Gesundheitswirtschaftskongresses mit einem Klick hierauf.