Entscheider-Event Das sind die 5 Digitalisierungsprojekte 2022

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Entscheiderfabrik

Ein Mobilcomputer mit Apps für die Pflege, eine App für Hautarztkonsile oder ein umstrukturiertes Rechenzentrum – auf dem Entscheider-Event stimmten die Teilnehmenden über die neuen Digitalisierungsthemen ab. Welche Projekte die Digitalisierung im Gesundheitswesen 2022 vorantreiben wollen.

Entscheider-Event, fünf Digitalisierungsprojekte 2022
Die Teams der fünf Digitalisierungsprojekte 2022. – © Michael Reiter

Bei den 2022 gewählten Digitalisierungsprojekten stünden IT, Ärzteschaft und Pflege gleichermaßen im Fokus, stellte Andreas Henkel, IT-Leiter am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München, in der Diskussionsrunde nach der Wahl fest. Alle Projekte hätten eines gemeinsam: die User mitzunehmen und Vertrauen in die Technik aufzubauen. Jährlich wählen die Teilnehmenden des Entscheider-Events fünf Projekte, die innerhalb eines Jahres in den Einrichtungen im Rahmen eines Proof-of-Concepts die Digitalisierung des Gesundheitswesens vorantreiben sollen.

Auch 2022 wurden unter zwölf Finalisten diese fünf Digitalisierungsprojekte ausgewählt. Ein Jahr werden sie von interdisziplinären Projektteams bestehend aus Kliniken, Industrie und Beratenden bearbeitet. Damit startet der neue Projektzyklus der Entscheiderfabrik, in dessen Rahmen Kliniken die digitalen Lösungen der Industrieunternehmen ein Jahr kostenfrei testen können. Ziel der Entscheiderfabrik ist es, Lösungen in Form von Konzepten oder Teststellungen für Probleme in den Geschäftsprozessen zu erarbeiten.

Die fünf Digitalisierungsprojekte 2022 im Überblick

1. Das Rechenzentrum von morgen

Die technischen und regulatorischen Anforderungen an die Krankenhaus-IT werden mit fortschreitender Digitalisierung immer komplexer. Allein der Rechenzentrumsbetrieb erfordert fachspezifisches Know-how. IT-Fachkräfte sind auf dem Markt jedoch Mangelware. Dadurch werden IT-Sicherheit, Innovation und Flexibilität vernachlässigt. Moderne Technologie und Automatisierung sollen den IT-Betrieb vereinfachen, effizienter und sicherer gestalten und Gesamtkosten reduzieren.

Eckdaten:

  • Projektname: „Next Generation IT – Mit Hilfe von Automatisierung Ressourcen, Zeit und Geld für den Betrieb der Infrastruktur einsparen – größeren Fokus auf klinische Anwendungen ermöglichen“
  • Industrieunternehmen: Nutanix Germany GmbH (Initiator), secunet Security Networks AG
  • Klinikpartner: Klinikum Schloss Winnenden (Initiator), Ameos-Gruppe und Krankenhaus Porz am Rhein

2. Plattform für bessere stationsübergreifende Kommunikationsprozesse

Anforderungen an Versorgungsqualität der Patienten und Patientinnen steigt ebenso wie die an Klinikbetrieb und Mitarbeitendenzufriedenheit. Die Komplexität der klinischen Behandlung steigt und das hat für Pflegende Konsequenzen: Informationsflut, Alarmmüdigkeit, ineffiziente Workflows. Hilfe dabei sollen eine Plattform bieten, die Daten herstellerneutral und systemübergreifend integriert. Im richtigen Kontext an das richtige Fachpersonal deviceunabhängig.

Eckdaten:

  • Projektname: „Move the data not the care giver“ Mobil & herstellerneutral vernetzt: Integrationsplattform zur Verbesserung der stationsübergreifenden Kommunikationsprozesse (ZNA/ICU/Stationen) – Lösungen förderfähig nach KHZG (FTB Nr. 1-5)“
  • Industrieunternehmen: Ascom Deutschland GmbH (Initiator), Dräger AG & Co. KGaA, Clinaris GmbH, Xitaso GmbH
  • Klinikpartner: Universitätsklinikum Bonn (Initiator), Universitätsmedizin Rostock

3. Ein medizinischer Mobilcomputer mit Telefon und Apps für die Pflege

Wie sieht ein zukunftsorientierter Pflegearbeitsplatz mit innovativer technologischer Ausstattung aus? Wie erspart er unnötige Wege, liefert relevante Informationen an den Point of Care, optimiert Patientensicherheit und verbessert die Kommunikation der Pflegeteams? Mit Mobilgeräten, Softwareapplikationen zum Alarmmanagement, Pflegemanagement (Workflowlösung zur Aufgabensteuerung) und geschützter Kommunikation, die z.B. sichere Chatfunktionen enthält.

Eckdaten:

  • Projektname: „Wir machen mobil! Ein medizinischer Mobilcomputer und -telefon mit drei Apps für die Pflege“
  • Industrieunternehmen: secunet Security Networks AG (Initiator), Xitaso GmbH
  • Klinikpartner: Asklepios Klinik Nord (Initiator), Westpfalz-Klinikum Kaiserslautern

4. Sichere Anbindung vernetzbarer Systeme

Medizingeräte vernetzen zur Übertragung von Daten, Steuerung von Geräten sowie Überwachung und Support der einzelnen Geräte hat eine hohe Relevanz. Dabei spielen Sicherheitsstandards wie KRITIS B3S eine wichtige Rolle. Krankenhäuser brauchen hierfür mehr als VPN oder eine Firewall. Eine Security-Gateway-Plattform dient als Basis einer standardisierten Remote-Access-Lösung und eines automatisierten Secure-file-Transfers zur Organisation verschiedener externer Kommunikationspartner. Integrierte Funktionen wie Network Anomaly Detection oder Asset Discovery dienen der Riskioüberwachung nach B3S.

Eckdaten:

  • Projektname: „Sichere Anbindung vernetzbarer Systeme in lokalen Wirkungskreisen der medizinischen Versorgung an digitale Mehrwert-Dienste“
  • Industrieunternehmen: Novar GmbH (Initiator), Lenus GmbH
  • Klinikpartner: Universitätsklinikum Maastricht (Initiator), Elbe-Kliniken Stade und Buxtehude

5. Hautarztkonsile per App

In vielen der Kliniken in Deutschland gibt es keinen Dermatologen, häufig ist die Behandlung von Hauterkrankungen daher eine Herausforderung. Niedergelassene Konsiliarärztinnen und -ärzte kommen, falls Kooperationen vorhanden sind, unregelmäßig in die Kliniken. Mit dem Konsil per App werden innerhalb 24 Stunden Diagnose und Therapieempfehlung an die Krankenhäuser übermittelt.

Eckdaten:

  • Projektname: „Spektrum erweitern und Versorgungslücken schließen durch „Dermanostic – Hautarzt per App“
  • Industrieunternehmen: dermanostic GmbH (Initiator), vitagroup health intelligence GmbH
  • Klinikpartner: Kliniken Südostbayern, Alexandergruppe

Was von den gewählten Themen zu erwarten ist

Das Projekt Dermanostic – Hautarzt per App kann „durch eine einfache Möglichkeit den Kliniken weiterhelfen“, sagt Meik Eusterholz, Feedbackgeber der Entscheiderfabrik 2022 und Geschäftsfeldleiter Healthcare bei Unity. Die App könne mit einer einfachen Integration in klinische Prozesse für das Fachpersonal den Patienten und Patientinnen eine bessere Versorgung ermöglichen. Henkel sah besonderes Potenzial in dem Projekt der neuen Rechenzentrumsstruktur. Hier werde das IT-Personal mitgenommen und Vertrauen in die IT geschaffen. Mitarbeitende würden nicht immer im Changeprozess mitgenommen, das sei jedoch wichtig. Veränderte Prozesse könnten sowohl von fachlicher Seite, als auch technologischer Seite vorangetrieben werden. In diesem Spannungsfeld, das im Allgemeinen als Changemanagement beschrieben werde, könnten wegen des zeitlichen Aspektes nicht immer alle Akteure richtig bedient werden. Umso wichtiger sei es daher, Vertrauen in die IT aufzubauen und die User mitzunehmen.

Die User werden mehr in die Erstellung neuer Technologien eingebunden. Das ist ein nötiger Schritt auf dem Weg zur digitalisierten Medizin.

Andreas Henkel

Das Projekt drei „Ein medizinischer Mobilcomputer mit Telefon und Apps für die Pflege“ spiegele wider, wie Pflege und Pflegende mit der IT stark gemacht werden können. Auch das Projekt „Move the data not the care giver“ könne Pflegende entlasten und die Vorteile von Technologie für die User hervorheben. Durch eine Vernetzung werde ein höheres Maß an Automatisierung erzeugt und eine höhere Qualität in der Patientenversorgung gewährleistet, erklärt Eusterholz. „Alles was der besseren Vernetzung und der Kompatibilität der verschiedenen technologischen, rechtlichen und persönlichen Gegebenheiten nützt, ist wichtig“, sagt Henkel.

Zum Abschluss kam die Frage auf, ob sich die Projekte der Entscheiderfabrik in die richtige Richtung entwickeln. Die Technik rücke in den letzten Jahren vermehrt in den Hintergrund, man komme näher an die Menschen ran. „Der Patient wird mehr in die Therapie hineingezogen und mit ihm wird wertschätzender umgegangen. Das finde ich gut“, sagt Eusterholz. Henkel findet, dass die User – also Pflegende und Ärzteschaft – mehr in die Erstellung neuer Technologien, z.B. Interface oder Aufbau einer App, eingebunden werden, und das sei ein nötiger Schritt auf dem Weg zur digitalisierten Medizin.

Digitalisierungsthemen 2021: Wie es weiter geht

Der erste Tag des Entscheider-Events stand im Zeichen der Präsentation und der Auszeichnung der finalen Ergebnisse der fünf Digitalisierungsthemen aus dem Vorjahr. Im Entscheider-Zyklus 2021 fiel die Wahl auf

  1. Zeit für das Wesentliche: Single-Sign-On-Lösung
  2. Optimal Bed Utilisation and Patient Flow within a hospital using real time patient flow
  3. Health Data Office – Archivar 4.0 inside
  4. Closed loop – Sprachverständnis mithilfe der Künstlichen Intelligenz
  5. Kontaktlos, sicher und effizient: Videosprechstunde & Chatfunktion als must have der digitalen Patientenaufnahme

Auf dem diesjährigen Entscheider-Event 2022 feierten die Projektteams ihren Abschluss (lesen Sie mehr zu den fünf Digitalisierungsthemen 2021). Aber nicht für alle Teams endet nun die Arbeit. Die Beteiligten des Projektes rund um Single-Sign-On erklärten, dass die Projekte in allen drei Krankenhäusern fortgeführt würden. Es sei auch einiges an KHZG(Krankenhauszukunftsgesetz)-Geldern beantragt worden. Beispielsweise seien zusätzliche Funktionalitäten im Test. Die Ergebnisse des Projektes sollten auf den Login in Medizintechnikgeräte erweitert werden.

Im Projekt zwei hat das Klinikum Braunschweig eine EU-weite Ausschreibung veranlasst mit Changemanagement als wichtiger Baustein zum flächendeckenden Ausrollen auf alle Standorte – hier stehen Unity und Teletracking als Partner fest. Im Projekt zum Sprachverständnis mithilfe Künstlicher Intelligenz wird der Testbetrieb der Kliniken der Stadt Köln auf Pilotstation weitergeführt und eine Evaluierung sowie Bewertung für die weitere Nutzung voraussichtlich im Sommer erfolgen. Das Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München plant ein großes Projekt mit Rollout auf alle Stationen.

Die Bewerbungsphase für die fünf Digitalisierungsprojekte 2023 ist gestartet. Mehr dazu lesen Interessierte hier: https://www.hcm-magazin.de/wettbewerb-um-die-fuenf-digitalisierungsthemen-2023-ist-gestartet-286758.