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Interview mit Ecky Oesterhoff Das Krankenhaus auf digitale Füße stellen

Ecky Oesterhoff ist einer der Experten für Krankenhaus-IT. Mit einem Herausgeberteam bestehend aus Ärzten und Gesundheitsexperten will er mit einem neuen Buch diejenigen erreichen, die das Megathema Digitalisierung im Krankenhaus umsetzen: Ärzteschaft, Pflegende und Entscheidungstragende.

Topic channels: Digitalisierung und Medizintechnik

Über die Digitalisierung der Krankenhauslandschaft wurde und wird viel geschrieben. Das Buch, über das HCM mit Ecky Oesterhoff gesprochen hat, will einiges anders machen. Digitalisierung soll verstanden werden. Es wird in einfacher Sprache aus der Welt der IT-Nerds in den Planungs- und Entscheidungsalltag der Ärztinnen und Ärzte, der Pflegenden und der Managementebene überführt. Und es gibt viel zu tun: Trotz einiger Leuchtturmprojekte sind Deutschlands Krankenhäuser in puncto Digitalisierung insgesamt noch nicht gut genug aufgestellt. Noch immer wird auf Papier dokumentiert, noch immer bindet die Bürokratie viel Arbeitszeit. Aber es kommt Bewegung ins Spiel.

Herr Oesterhoff, braucht es noch eine Zustandsbeschreibung des Digitalisierungs-Notstandes?

Oesterhoff: Es geht nicht darum den Notstand zu beschreiben, sondern zu sagen, was man jetzt tun kann, um sich für die Digitalisierung zu wappnen. Und zu wappnen heißt nicht, was man vorsichtig in den nächsten Jahren tun kann, sondern, was man am besten schon vor Monaten hätte tun können und in den nächsten Monaten tun muss. Dafür gibt es etwas sehr Konkretes, das KHZG, dem ist in dem Buch auch viel Raum gegeben. Es gibt aber auch Themen und Trends darüber hinaus, z.B. digitale Gesundheitsanwendungen, die sogenannte App auf Rezept, Künstliche Intelligenz, Ethik, die monetäre Frage, es ist quasi ein Rundumschlag, was jetzt zu tun ist, um ein Krankenhaus auf digitale Füße zu stellen und das immer in dem Fokus, dass die Digitalisierung eines Krankenhauses am Ende auch immer das Zünglein an der Waage für die Existenz eines Krankenhauses sein könnte.

Es gibt im Krankenhaus durchaus Bereiche, wie Radiologie, Labor oder Verwaltung, die in Teilen bereits digital arbeiten. Was verändert sich denn gerade konkret in der Digitalisierung?

Oesterhoff: Die große Veränderung ist, dass es nicht um die Digitalisierung oder Elektrifizierung einzelner Fachabteilungen geht, sondern, dass alle Systeme auf der Patient-Journey miteinander kommunizieren. Von der Aufnahme bis zur Entlassung. Dazu gehören auch Szenarien außerhalb des Krankenhauses, die den Patienten betreffen. Der Fokus liegt hier klar auf standardisierter Kommunikation der IT-Systeme untereinander.

"Digitalisierung ist kein Selbstzweck", heißt ein ganzes Kapitel in dem Buch. Wie meinen Sie das?

Oesterhoff: Digitalisierung gehört dahin, wo sie den Menschen Mehrwerte bringt, das ist sogar branchenunabhängig. Digitalisierung gehört auch nur da ins Auto, wo sie den Fahrern Vorteile bringt, und so ist es in der Medizin auch. Ein Beispiel aus der Medikation: Wenn Sie drei oder vier Medikamente verschrieben bekommen, dann kann ein Mensch die Wechselwirkung nicht mehr überblicken, da brauchen Sie einen Computer. Der Zweck ist hier also Patientensicherheit und Behandlungsqualität, die durch IT dann abgedeckt wird.

Wessen Aufgabe sollte die Digitalisierung in einem Krankenhaus sein?

Oesterhoff: Es ist die Aufgabe derer, die diese Systeme am Ende auch benutzen, die die Prozesse kennen: Mitarbeitende aus Ärzteschaft, Pflege und Therapie. Es müssen sich auch die Rollen verändern: Es braucht Mediziner, die sich für IT interessieren, vice versa aber auch IT-ler, die mit Ärzten darüber sprechen, warum sie gerade diesen Prozessschritt machen und den wieder in IT übersetzen können. Man muss sich von beiden Seiten der Digitalisierung annähern, dann kann das gelingen. Das braucht Zeit, braucht Ressourcen und es braucht Leader im System, die das übernehmen.

15 Prozent eines jeden KHZG-Fördertatbestands muss für IT-Sicherheit aufgebracht werden: Ist diese Größenordnung gerechtfertigt?

Oesterhoff: Da geht es weniger darum, ob 15 Prozent passgenau sind, es geht darum, bei jedem Punkt IT-Sicherheit mitzudenken. Wenn man bedenkt, dass sich Häuser in den letzten Monaten wegen Cyberangriffen von der Notfallversorgung abmelden mussten, dann ist das sicherlich komplett richtig, das zu tun. Über die Höhe und den Zuschnitt kann man immer streiten, wichtig ist, dass die IT das mitdenken muss, um die Förderung überhaupt zu bekommen. Dazu kommt noch der Tatbestand der IT-Security selbst, der sich zu 100 Prozent mit IT-Security befasst.

Ist das KHZG so etwas wie der notwendige Turbo für die Digitalisierung der Kliniklandschaft?

Oesterhoff: Investitionen in Krankenhäusern sind Ländersache und IT-Investitionen werden genauso gesehen wie Investitionen in Röntgengeräte oder Bau. Und da sind deutsche Krankenhäuser, und das wird niemand bestreiten, unterfinanziert. Die Motivation war, mit dem KHZG da anzusetzen. Das hält jetzt einige Jahre, macht viel positiven Stress. Dann geht es darum, die Investitionen zu verstetigen. Da sind wir jetzt noch nicht, das ist eine Frage der nächsten Legislatur.

Buchtipp

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"Digitalisierung im Krankenhaus" von

  • Ecky Oesterhoff,
  • Dr. Peter Gocke,
  • Henning Schneider und
  • Prof. Jörg F. Debatin

erscheint in der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft und kann mit einem Klick hierauf bestellt werden.
Über den Link in der Infobox (rechts oben) erhalten Sie eine kostenlose Leseprobe die MWV exklusiv für HCM mit dem Kapitel "Die Digitalstrategie fürs Krankenhaus" zur Verfügung stellt.

Viele Vorhaben sind nur förderfähig, wenn sie die Vorgaben der Interoperabilität erfüllen. Was machen Häuser, die da Nachholbedarf haben?

Oesterhoff: Nachholbedarf haben alle. Häuser mit größerer IT-Abteilung haben ggf. Spezialisten, die sich darum kümmern, kleinere Häuser mit wenig IT müssen sich darauf verlassen, dass ihnen Hersteller interoperable Systeme anbieten. Das müssen die Hersteller aber auch, sonst sind sie nicht förderfähig.

Wo sind die größten Digitalisierungs-Baustellen und wo fängt man an?

Oesterhoff: Zu den größten Baustellen oder Hemmnissen der Digitalisierung zähle ich unsere Einstellung zu Patientendaten in der Cloud. Wir haben so viele Interpretationen der DSGVO, wie wir Bundesländer haben. Die föderalistische Lesart des Datenschutzes macht die Digitalisierung unerträglich langsam. Wir brauchen eine regulatorische Basis und eine deutschlandweite Lesart von Datenschutz, damit wir Patientendaten in der Cloud lagern dürfen, natürlich einer vertrauensvollen Cloud, die top gesichert ist. Wenn ich nur nur ein Hemmnis in den nächsten Jahren ausräumen dürfte, dann wäre es das, dass wir, wie in allen anderen Branchen auch, das auch mit Patientendaten tun. Auch ich habe ein hohes Sicherheitsbedürfnis, was meine Patientendaten angeht. Allerdings überwiegt der Nutzen in der Behandlungsqualität meiner Sorge vor Schindluder bei weitem.

Die Bedarfe in den Kliniken sind sehr unterschiedlich. Worauf sollten Betreiber kleinerer Häuser achten?

Oesterhoff: Digitalisierung ist ja nicht einfach der Kauf und die Installation einer Software, sondern bedingt ganz viel Arbeit, Änderung von Mindsets. Und jedes Haus sollte punktgenau schauen, welches das richtige Projekt ist: Was brauche ich in meinem Krankenhaus oder für die Kommunikation mit meinem Außen? Wo finde ich vielleicht eine Uniklinik oder einen großen Maximalversorger, an den ich mich anschließen kann? Also nicht einfach nur das Geld abholen, sondern schauen, was zu mir passt und das dann mit den Leuten entwickeln, die in dem Haus arbeiten und die das Haus verstanden haben. Das gilt im Übrigen nicht nur für kleinere Häuser. Im Großen und Ganzen denke ich, sind Unikliniken und Häuser der Grund- und Regelversorgung an vielen Punkten gar nicht so unterschiedlich.

Vielen Dank für das Gespräch.


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