Corona-Pandemie -

Kommentar Das improvisierte Krankenhaus – eine nicht endende Geschichte?

Ein Post-Covid-Kommentar von Prof. Dr. med. Martin L. Hansis, LL.M., Institut für Operations Research (IOR), KIT, Karlsruhe, und Mitglied des HCM-Redaktionsbeirates.

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Als in der dritten Märzwoche evident wurde, dass auch in Deutschland die intensivmedizinischen Kapazitäten für Behandlungen schwerer Verläufe von Covid-19 eventuell nicht ausreichen würden, wurden in der Klinikorganisation allerlei Reißleinen gezogen: weitgehendes Sistieren planbarer Behandlungen, das Freihalten und die Neuschaffung von Intensivkapazitäten und die Mobilisierung aller potenziell geeigneten Personen für die Pflege und die ärztliche Behandlung. Flankierend wurden den Ärzten Entscheidungshilfen für etwaige Triage-Situationen zur Verfügung gestellt. Erlösausfälle der Krankenhäuser sollten durch extrabudgetäre Zuwendungen ausgeglichen werden.

Ob man die Pandemie als solche hätte eher erkennen können bzw. ob man sich hätte besser darauf vorbereiten können, ist von anderer Seite zu beurteilen. Die drei wesentlichen strukturellen Defizite der Krankenhäuser jedenfalls waren längst zuvor bekannt und benannt. Man konnte allerdings im März dieses Jahres von den Versäumnissen der Vergangenheit ablenken, indem man sie in das große Paket der allumfassenden notfälligen Maßnahmen einhüllte und so auch eine Co-Finanzierung aus einem gigantischen Schuldentopf bewerkstelligte. Und es hat ja funktioniert: kein manifester Versorgungsengpass, keine Triage.

Und nun? Sind wir jetzt klüger?

Gehen wir nun wenigstens hernach die notorischen Strukturdefizite der Krankenhäuser an? Bis zur möglicherweise erwartbaren zweiten Welle hat man noch rund vier Monate Zeit. Oder will man sich im November erneut überrascht davon zeigen:

  • Dass nach wie vor ein Investitionsdefizit der deutschen Krankenhäuser im Umfang von rund 30 Milliarden Euro besteht, das Hand in Hand geht mit einer erratischen Krankenhausplanung. Bezogen auf Covid-19 wäre es jetzt an der Zeit, an vergleichsweise wenigen Orten strukturell und personell hervorragend ausgestattete Intensivkapazitäten zu definieren und zu schaffen. Man müsste aufhören, so zu tun, als bestünde Intensivmedizin aus einem Bett mit Beatmungsgerät. Zur erfolgreichen Behandlung eines Covid-19-bedingten Multiorganversagens gehört wesentlich mehr. Spätestens jetzt kann das auch die Ministerialbürokratie der Länder wissen.
  • Dass es nicht genügt, in Talkrunden festzustellen, dass Krankenhäuser auch Teil der allgemeinen Daseinsvorsorge mit entsprechenden speziell ausgewiesenen Pflichten seien. Dann wäre es an der Zeit, spätestens jetzt die Allmende-Elemente von Krankenhäusern klar zu definieren und für jeden Standort auf der Basis einer umfassenden Krankenhausplanung (sic!) die zu erbringenden Vorhalteleistungen zu definieren und deren Finanzierung sicherzustellen. Denn selbstverständlich können Vorhalteleistungen nach ihrer Natur keineswegs Teil der üblichen Leistungsvergütungen sein. Sie können – da vom Gemeinwesen gefordert und für das Gemeinwesen erbracht – auch nur über das Gemeinwesen finanziert werden.
  • Dass die beschämend schlechte Vergütung von Pflegetätigkeiten jetzt und weiterhin das wichtigste Hemmnis ist, eine ausreichend große Zahl von Pflegefachpersonen zu gewinnen. Daran ändern weder die Lobeshymnen noch das 300-Euro-Zuckerli etwas. So lange nicht die Tabellenentgelte für die normale alltägliche Arbeit in der Pflege ordentlich angehoben sind, werden wir dort nie genug Leute haben.

Der Referentenentwurf für ein Unternehmensstrafrecht sieht Sanktionen gegenüber einem Unternehmen für den Fall vor, dass die „Straftat durch angemessene Vorkehrungen (…) wie insbesondere Organisation (…) hätten verhinder[t] oder zumindest erheblich erschwer[t] werden können.“ Wenn anlässlich einer zweiten Covid-19-Welle Triage-Entscheidungen getroffen werden müssen, wen treffen dann die Sanktionen? Den einzelnen Arzt, der sich ja nach Mai 2020 nicht mehr auf einen unerwarteten Notstand berufen kann? Oder den Krankenhausträger, weil seine Geschäftsführung auf die Untätigkeit seiner Landesregierung nicht unter Remonstration zurücktrat?

Nochmals zum Mitschreiben: In der Bewältigung der Covid-19-Pandemie mag viel Unerwartetes passiert und deshalb viel Improvisation notwendig gewesen sein. Die dre i Strukturdefizite der Krankenhäuser waren es mit Sicherheit nicht. Und spätestens jetzt ist für diese auch das Narrativ der Unerwartbarkeit verbraucht.

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