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Hauptstadtkongress 2021 Das Gesundheitswesen wird sich auf vielen Ebenen ändern

Wie sieht ein zukunftsfähiges Gesundheitswesen aus? Welche Veränderungen und Anpassungen verlangt ein Gesundheitssystem von allen Beteiligten? Der Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit 2021 ging diesen wichtigen Fragen nach.

Topic channels: Digitalisierung, Berufspolitik, Pflegekammer und Integrierte Versorgung & Transsektorale Zusammenarbeit
  • Nach Corona: Digitalisierung ist Pflicht, nicht Kür.
  • Digitalisierung: Viele Akteure suchen noch ihren Weg.
  • Gebremste Erwartungen: Der Hype um die ePA.
  • Pflegekammern: Stellt sich die Pflege selbst ein Bein?
  • Akademisierung der Pflege und neue Rollenverteilung.

Als einer der ersten Kongresse mit Publikumsverkehr startete der diesjährige Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit am 16. Juni 2021. Die Hybridveranstaltung mit Sondergenehmigung des Berliner Senats war die erste Großveranstaltung seit September 2020. 500 Teilnehmenden konnten vor Ort dabei sein: Abstände, ein Hygiene- und Testkonzept haben es möglich gemacht. Die meisten Besucherinnen und Besucher nahmen online an den mehr als 90 Sessions teil, rund 30 davon wurden im Livestream übertragen.

Schon am Eröffnungstag des diesjährigen Hauptstadtkongresses ging es in Vorträgen und Diskussionsrunden mit Vertretenden der Gesundheitslandschaft und der Politik um das, was aus der Vergangenheit gelernt wurde – und um die Zukunft. Thema Nummer eins war natürlich die Digitalisierung des Gesundheitswesens. Aus Sicht von Kongresspräsident Dr. Karl-Max Einhäupl heute eine Pflicht und keine Kür mehr. "Die Corona-Krise hat schonungslos offengelegt, wie groß die Defizite in diesem Bereich sind: Zu wenig Personal, zu viel veraltete Technik. Handarbeit statt automatisierter Prozesse." Bei der Modernisierung und Stärkung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes spiele laut Einhäupl die Digitalisierung deshalb eine besonders wichtige Rolle.

Digitalisierung: Viele Akteure suchen noch ihren Weg

Aber heißt Digitalisierung gleichzeitig auch bessere Gesundheitsversorgung? Momentan ist der Gesundheitssektor, so scheint es, noch sehr mit sich selbst und seiner Rolle in einer digitalisierten Welt beschäftigt. Das Geld, das mit dem KHZG ausgeschüttet wurde, muss sinnvoll und dauerhaft investiert werden, da suchen viele Akteure noch ihren Weg. "Wir konzentrieren uns momentan auf die internen Prozesse, alles was in Papierform da ist, muss angepackt werden", sagt Klinikmanager und Vorstand der Sana Kliniken AG, Dr. Jens Schick.

Die ePA allein ist noch keine Digitalisierung

Für eine nachhaltige Digitalisierung braucht es freilich mehr, als nur die papierlose Dokumentation. Prof. Dr. Michael Forsting, Direktor des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Neuroradiologie der Universitätsmedizin Essen, bremst die Erwartungen, die viele an die elektronische Patientenakte (ePA) haben: "Momentan gibt es einen Hype um die ePA, aber sie allein kann nicht der Sinn der Digitalisierung sein, da ist das Einscannen von Befunden billiger." Seiner Meinung nach müsste viel mehr skaliert werden: Automatisch geschriebene Arztbriefe, Terminvergabe, Medikationsüberwachung, Nachsorge und vieles mehr, müsste mit der ePA verknüpft werden. Die Vorteile der ePA, dass z.B. keine Dokumente verloren gehen, alles gut lesbar und intersektoral ist, würden laut Forsting von den Nachteilen überschattet: eine sehr teure Einführung und ein für das Klinikpersonal langer und schmerzhafter Prozess. 

Die Pflege und die Digitalisierung

Trotzdem wird die ePA die Grundlage für viele digitalisierte Arbeitsschritte sein. Auch die Pflege hofft auf Änderungen durch die ePA und auf viele Optimierungsmöglichkeiten. "Die Pflege ist ein analoger Beruf, es gibt viel zu viele Formulare, viel zu viele Leute machen viel zu viele unnötige Aufgaben", sagt der Vorsitzende des Bundesverbandes Pflegemanagement, Ludger Risse. Ein Zugang zur ePA für die Pflege, ist laut Risse schon allein zur Nachvollziehbarkeit der pflegerischen Leistungen und dem daraus errechenbaren Erlös wichtig. Aber ohne Heilberufeausweis kein regulärer Zugang zur ePA. Die Pflege bliebe weitestgehend außen vor, denn den Heilberufeausweis gibt es nur für Angehörige verkammerter Berufe. Und da hat die Pflege eine ihrer größten Baustellen.

Stellt sich die Pflege selbst ein Bein?

Denn die Pflege hat mit ihren Kammern ein großes Problem und das ist ausgerechnet der fehlende Rückhalt in den eigenen Reihen. Frank Vilsmeier, Vizepräsident der inzwischen aufgelösten Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein, sieht eine von Teilen der Landespolitik und dem Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) aggressiv geführte Kampagne gegen die Kammern als Grund. Seine Rede wurde von Dr. Jette Lange vom Bundesverband Pflegemanagement verlesen, Vilsmeier selber soll der Auftritt beim HSK von der zuständigen Aufsichtsbehörde untersagt worden sein.

Ein Grund scheint auf jeden Fall der Pflichtbeitrag zu sein, den die Mitglieder an die Kammer entrichten müssen, da war sich das Podium einig. Auch die in Auflösung befindliche niedersächsische Pflegekammer ist an den Pflichtbeiträgen gescheitert. "Es geht um einen Beitrag von 9,70 Euro im Monat. Das ist der Preis für Unabhängigkeit und Stärke. Den sollte jeder zahlen, damit der Beruf zum Berufsstand wird", sagt Dr. Markus Mai, der Präsident der nun einzig verbliebenen Pflegekammer in Rheinland-Pfalz. Für Mai sind starke Stimmen aus der Pflege wichtig, sonst würden berufsfremde Akteure über die Zukunft der Pflege entscheiden.

Aber es gibt auch gute Nachrichten: In Nordrhein-Westfahlen befindet sich gerade eine Pflegekammer in Gründung. Sandra Postel ist Vorsitzende des Errichtungsausschusses und setzt auf Aufklärung und Kommunikation mit den ca. 200.000 potenziellen Mitgliedern. "Wir dürfen die finanzielle Autonomie nicht aus der Hand geben", sagt sie und spricht sich so für eine beitragsbasierte Finanzierung der Kammer aus. Postel gibt sich zuversichtlich, dass es in naher Zukunft aufwärts geht: "In Bayern und Baden-Württemberg kommt etwas ins Rollen."

Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit 2021

Akademisierung der Pflege und neue Rollenverteilung

Und eine Starke Pflege wird in Zukunft immer wichtiger. Der Beruf werde sich wandeln müssen, sagt Dr. Bernadette Klapper. Die Leiterin des Bereiches Gesundheit bei der Robert-Bosch-Stiftung fordert unterschiedliche Qualifizierungslevels in der Pflege für mehr Zusammenarbeit mit Medizinerinnen und Medizinern. Die Robert-Bosch-Stiftung setzt sich schon seit Anfang der 90er Jahren für die Akademisierung der Pflege ein. Pflegemanagement und Pflegewissenschaften kann man schon an einigen Hochschulen studieren, laut Klapper fehlen aber rund 30.000 Pflegestudienplätze. In der Zukunft werden sich viele Veränderungen ergeben, die neue Aufgaben in der Gesundheitsversorgung erfordern. Mehr chronische Erkrankungen, immer mehr Pflegebedürftige bei gleichzeitigem Schwund von Hausarztpraxen würden eine neue Rollenverteilung notwendig machen.

Pflege übernimmt ärztliche Aufgaben

Auf die hausarztbasierte Gesundheitsversorgung in Deutschland kommt einiges zu. Ein Ausweg, gerade in der ländlichen Versorgung, könnte das Community-Health-Nursing sein. Wohnortnahe und bedarfsgerechte Gesundheitsförderung von gut ausgebildeten Pflegenden, die als erster Ansprechpartner auch medizinische Aufgaben telemedizinisch oder in Gesundheitszentren übernehmen. Das ist auch Teil eines Zielbildes, das ein Expertenteam auf Basis des Krankenhaus Rating Reports 2021 erarbeitet hat. Laut Prof. Dr. Frank Weidner, dem Direktor des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung (dip) fehlt es in Deutschland jedoch an den rechtlichen Voraussetzungen und vor allem an akademischen Lehrzentren. Das muss kommen, sagt Weidner, "denn die Bedarfe an interdisziplinärer Kompetenz sind riesig und wachsen ständig."

Medizin und Pflege auf Augenhöhe

Mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit ist auch jetzt schon gefragt. Miriam Wawra, Medizinstudentin und Bundeskoordinatorin für Gesundheitspolitik bei der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland fordert interprofessionelle Unterrichtseinheiten, gemeinsame Seminare und Praktika mit Auszubildenden in der Pflege. "Medizinstudierende haben ein großes Interesse, interprofessionell auf Augenhöhe mit der Pflege zu arbeiten", sagt sie. Dabei gehe es auch darum, die Denkweise anderer Berufsgruppen zu verstehen.

Anders fordert auch die Pflege mehr Kompetenzen im medizinischen Bereich. Jenny Wiesler studiert in Halle Evidenzbasierte Pflege. In der Akademisierung sieht sie die Chancen in der Heilkunde-Übertragung. "Das Studium steigert die Attraktivität des Berufes, vielleicht auch die Rahmenbedingungen und die Qualität der Pflege." Bei Hospitanzen in der Uniklinik Halle führt sie u.a. Wundbehandlungen durch oder führt Ernährungsberatungen für Diabetes-Patienten durch. Die späteren Berufsaussichten beschreibt Wiesler theoretisch als vielfältig, die Barrieren seien aber immer noch zu hoch: Noch fehlen die rechtlichen Voraussetzungen und darum gibt es auch kaum Stellen.

Strategische Partnerschaften

Auch in puncto Digitalisierung von Klinikprozessen geht es nicht ohne interprofessionelle Zusammenarbeit. Die Kooperationen der Klinken mit Herstellern von Medizintechnik, wird sich von der klassischen Systempartnerschaft zur Digitalisierungspartnerschaft wandeln. Ein digital begleiteter Workflow, ein komplexes Patientenmanagement unter Berücksichtigung von Datenschutz und Datensicherheit und v.a. die Interoperabilität und die Einbindung sämtlicher Akteure werden in nächster Zeit die Hauptaufgaben sein.

 

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