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Plädoyer Das Gesundheitswesen muss cooler werden

Estland bezeichnet sich selbst als „the coolest digital society” – zu Recht. Der kleine Staat im Baltikum hat seine Infrastruktur in den 90ern fast komplett digitalisiert. Und was ist mit uns? Würden wir uns als „coolste Nation“ im Allgemeinen oder mit dem „coolsten Gesundheitssystem“ bezeichnen? Auf die Idee würde hierzulande womöglich gar keiner kommen. Warum eigentlich nicht?

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Es geht in diesem Beitrag nicht darum, einmal mehr neidvoll auf andere Länder zu blicken. Jetzt ist die Zeit gekommen, dass das Gesundheitswesen in Deutschland cooler wird. Der saloppe Begriff „cool“ (/ku:l/) bedeutet, keine Angst zu haben, nicht nervös zu werden und lässig zu handeln. Wenn man sich die Diskussionen rund um die Digitalisierung vor Augen führt, so kommt es häufiger zu folgenden Sätzen, die einen Text ein- oder ausleiten: Digitalisierung wird den Arzt nicht ersetzen! Und: Ein Roboter kann nicht pflegen! Oder: Wir müssen auf die europäische Datenschutzverordnung achten. Sowie: Datensicherheit ist ganz wichtig! Kurzum: Bedenken. Angst. Herausforderungen. „Same shit – different day.“

Thomas Alva Edison (1847–1931), der US-amerikanische Patentanmelder der Glühlampe, hat einst gesagt: „Es ist besser, unvollkommen anzupacken, als perfekt zu zögern.“ Und das Gegenteil tun wir seit Jahren im deutschen Gesundheitswesen. Wir reden, diskutieren, debattieren und fangen nicht an, bevor wir die umfassende und von allen konsentierte Lösung haben. Und da vergehen schnell ein paar Jährchen. Es ist eine Art „Häkchen-Mentalität“ – erst wenn alle ihr Häkchen gesetzt haben, geht es ein Stück vorwärts. Woher kommt die irrationale Antihaltung und die German Angst vor Veränderungen? Wieso akzeptieren wir im Gesundheitswesen nicht, dass Projekte scheitern können, aber dann bitte schnell scheitern müssen. Warum laufen wir nicht mal mit einer Beta-Version los und adjustieren dann aus den gelernten Fehlern. Wieso brauchen wir einen Innovationsfonds, um innovativ zu sein?

Ein Umdenken ist dringend erforderlich. Derzeit werden die Regeln in der Branche radikal umgeschrieben. Wieso freuen wir uns nicht darüber, dass das Gesundheitswesen und die Medizin extrem von der Digitalisierung profitieren können. Und das auf allen Seiten: Die Krankenversicherung, die künftig viel mehr in präventive und kostensenkende Modelle investieren könnte, die Leistungserbringer, die ihre Geschäftsmodelle optimieren können, und der Patient, der eine passgenaue, schnelle Lösung für sein Gesundheitsproblem bekommt. Wo bleibt die digitale Ungeduld („Sofortness“), damit die Veränderungen so schnell wie möglich kommen, statt sie auszubremsen und Besitzstandswahrung zu fördern. Wir sind doch das Land der Denker. „Mut hat Genie, Kraft und Zauber in sich“, sagte einst Goethe. Wo sind die kreativen Ideen für die Zukunft? Wir reden oft bei der strategischen Planung über „shit of yesterday“(SOY) und viel zu selten über „the day after tomorrow“. Moonshot-Strategien werden lieber als Spinnereien abgetan, wie auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn erfahren musste. Staatsministerin Doro Bär endete ihren Debattenbeitrag zur Umsetzungsstrategie der Digitalisierung im Bundestag wie folgt: „Es muss wieder ein Ruck durch Deutschland gehen.“ Das war ein cooles Statement. Nervige FAX-Debatten und sinnlose Diskussionen über fehlende Konnektoren sind es dagegen nicht. Lasst uns etwas cooler sein und aus dem vordigitalen Gesundheitswesen ausbrechen!

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