Aus der Branche -

Warum Corona keine Chance ist – konsequentes Management mit Weitblick aber schon „Corona kann auch eine Chance sein!“

Für einige Branchen mag dieser Satz zutreffend sein. Für die Sozial- und Gesundheitswirtschaft, die Beschäftigten in diesem Sektor und natürlich v.a. für die Menschen, die uns anvertraut sind, ist das Virus in erster Linie eines: ein großes Übel!

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Die Anbieter von Eingliederungshilfe für Menschen mit unterschiedlichen Unterstützungsbedarfen standen zu Beginn des Jahres mit einer weiteren Einführungsstufe des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) vor einer Zäsur ihrer Arbeit in Deutschland. Die notwendigen Umstellungen haben in den vergangenen Jahren viele Ressourcen gebündelt und Geschäftsmodelle modifiziert. Der Wettbewerbsdruck hatte definitiv zugenommen, was ich als wohltuend für unsere Branche empfinde.

Mit SARS-CoV-2 kam im Frühjahr dieses Jahres dann eine Pandemie epischen Ausmaßes hinzu. Gesundheitliche Gefährdung, Kurzarbeit, drohende (bis hin zu tatsächlich vollzogenen) Insolvenzen,  noch intensivere Debatten mit den unterschiedlichen Kostenträgern und v.a. riesige Unsicherheiten kennzeichnen das Jahr 2020 für Akteure unserer Branche.

Lebenshilfe Mainz-Bingen

Alle diese Umstände sind freilich kein Grund, wie ein Kaninchen vor der Schlange namens „Corona“ zu sitzen. Die Lebenshilfe Mainz-Bingen, bei der ich als Geschäftsführer tätig sein darf, ist eine gemeinnützige GmbH, die Meschen mit vornehmlich kognitiven Einschränkungen im täglichen Leben unterstützt. Auf insgesamt neun Geschäftsfeldern von verschiedenen Angeboten inklusiver Wohnformen, (ehemals) stationär wie ambulant, über Maßnahmen der Integrationspädagogik, familienunterstützender Dienste, Pflege-WGs bis hin zu unserer integrativen Kindertagesstätte sind wir als professioneller Dienstleister für unsere Kunden aktiv. Mit unserem Pflegedienst, den wir mit einem Partner, der bundesweit agierenden Hausengel GmbH, betreiben, unterstützen wir circa 480 Menschen in den verschiedenen Settings und beschäftigen dabei etwa 300 Mitarbeiter. Seit Beginn der Pandemie bzw. dem sogenannten Lockdown ist die Nachfrage bei unseren ambulanten Angeboten natürlich schlagartig zurückgegangen, während wir gleichzeitig die Dienste in unseren stationären Einrichtungen, bedingt durch die Schließung der Werkstätten für Menschen mit Behinderung und den Tagesförderstätten, massiv hochfahren mussten.

Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht und die ohnehin anstehende Entwicklung genutzt, um unter verschärften Bedingungen die künftig notwendige Struktur – viele unserer Bewohner werden in nächster Zeit berentet – zu entwickeln und umzusetzen. Dabei kam uns zugute, dass unsere coronabedingt „freigewordenen“ Mitarbeiter aus den ambulanten Diensten und der KiTa entsprechend in den Wohnstätten eingesetzt  werden konnten. Damit und natürlich unter tatkräftiger Mithilfe der Kostenträger haben wir das Thema Kurzarbeit in allen Settings vermeiden können. Mit unserem konsequenten Hygieneregime ist es uns darüber hinaus gelungen, dass keiner der uns anvertrauten Menschen als infiziert gemeldet werden musste.

Angebotsvielfalt als rettender Anker

Die Diversifikation und Verbreiterung unserer Angebote und unserer Zielgruppe in den letzten beiden Jahren hat uns die Pandemie bislang gut überstehen lassen. Sie waren aber natürlich weit vor den ersten Krankheitsfällen strategische Entscheidungen, die Geschäftsführung, Gesellschafter und Betriebsräte auf den Weg gebracht haben, um das Unternehmen neu aufzustellen. Die Verschlankung des stationären Settings, das schon alleine aufgrund des Fachkräftemangels bundesweit unter massivem Druck steht, der Ausbau der ambulanten Angebote, die schon jetzt wieder massiven Zulauf finden und bei denen die Nachfragen von Interessierten und Kostenträgern weiter steigen werden, sind die Säulen der Neuaufstellung. Mit der Gründung eines gemeinsamen ambulanten Pflegedienstes mit einem bundesweit agierenden Partner im vergangenen Herbst begegnen wir gleichzeitig den wachsenden pflegerischen Bedarfen unserer Kunden, vergrößern unser Angebot für Menschen mit und ohne Beeinträchtigung und verbessern unsere buchhalterische Bilanz.

Als mittelgroßer Anbieter der Sozial- und Gesundheitswirtschaft in unserer Region war gesteuertes Wachstum unsere Strategie, die sich auch in der Krise bewährt hat. „Corona“ hat auch bei uns das Brennglas auf Strukturen gelegt und die zuvor analysierten Schwachstellen schonungslos bestätigt. Da auch wir die „Rücklagen“ möglichst zusammenhalten wollen, mussten wir zähneknirschend die Modernisierung der IT verschieben, obwohl wir seit etwa 1,5 Jahren diesen Schritt vorbereitet hatten.

Corona ist für uns keine Chance – es ist ein Übel. Aber mit gutem, strategisch orientiertem Management bekommen wir auch diese Krise in den Griff. Das ist nicht zuletzt unsere Verantwortung gegenüber den Menschen, die uns anvertraut sind!

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