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COVID-19-Pandemie Corona-Isolation in Pflegeheimen mit fatalen Folgen

Für Senioren in Pflegeheimen ist die Corona-Krise eine harte Zeit. Das kann nach Einschätzung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes fatale Folgen haben. Es drohen Depressionen, Suizid und Demenzverstärkung durch die strikte Isolation.

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Der Speisesaal des Kurt-Engert-Hauses ist am Mittag leer. Die Bewohner des Pflegeheims der Stiftung Kieler Stadtkloster müssen wegen der Corona-Krise vorsorglich auf ihren Zimmern essen.

Die Einrichtung wirkt wie leer gefegt. Obwohl es hier noch keinen einzigen Corona-Fall gab, wie Einrichtungsleiter Hermann Josef Stevens betont, herrscht spätestens seit Anfang April Ausnahmezustand. Zurzeit gilt für Altenpflegeheime wie das Kurt-Engert-Haus ein striktes Betretungsverbot. Es soll verhindern, dass das neuartige Virus in die Heime gelangt. Nicht ohne Grund: Der Anteil von Corona-Toten in Alten- und Pflegeheimen  ist überproportional hoch: Fast die Hälfte der Corona-Toten im nördlichsten Bundesland wurde nach einer dpa-Umfrage von vergangener Woche aus Alten- und Pflegeheimen gemeldet.

«Die Bewohnerinnen und Bewohner sind aufgrund ihres hohen Alters und häufig vorliegender Grunderkrankungen besonders gefährdet», betont Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP). «Deswegen bleibt eine der wichtigsten Maßnahmen, den größtmöglichen Schutz für diese Einrichtungen sicherzustellen».

Angehörige und Freunde müssen draußen bleiben

Das heißt: Angehörige und Freunde müssen draußen bleiben. Nur die Belegschaft und anderes medizinisches Personal darf die Einrichtung noch betreten. Im Kurt-Engert-Haus sind v.a. die Bewohner der stationären Pflege und der Pflegewohngemeinschaften betroffen. Sie dürfen nur noch auf dem Gelände spazieren gehen und müssen zur Sicherheit viel Zeit auf ihren Zimmern verbringen.

Im sonnigen Hinterhof baut gerade ein Alleinunterhalter sein Equipment auf. «Das versuchen wir gerade so oft wie möglich zu machen», sagt Einrichtungsleiter Stevens stolz. Das Publikum sitzt weit entfernt an Tischen oder im Rollstuhl, viele von ihnen haben Mund und Nase bedeckt.

Es fehlen soziale Routinen aus der Zeit vor der Corona-Pandemie

Dort sitzt auch Karin Plagemann. Bevor sie hier einzog, hat sie alleine in einem Reihenhaus gewohnt - bis zum Schlaganfall. Drei Tage hat es damals gedauert, bis Nachbarn sie fanden. Heute ist die 76-Jährige teilweise gelähmt. Was um sie herum passiert, bekommt sie aber aufmerksam mit. Ihr fehlen soziale Routinen aus der Zeit vor der Corona-Pandemie. «Bis vor kurzem war das, wenn wir hier zusammen beim Essen gesessen haben. Das hat mir am besten gefallen», sagt Plagemann, «da konnte man sich auch gut unterhalten mit den anderen. Und das geht ja im Moment leider nicht.»

Als eine Pflegerin vorbeikommt, zeigt Plagemann ihr neues Begrüßungsritual. «Das macht man jetzt so, hab ich gehört», sagt sie während sich ihre Fußinnenseite und die der Pflegerin lässig treffen – Beide lachen. «Jetzt, wo alle Bewohner auf ihrem Zimmer bleiben müssen, ist der Arbeitsaufwand noch ein bisschen größer», sagt Elvira Steiner. Sie arbeitet in der stationären Pflege. «Man merkt, dass gerade die dementiell veränderten Bewohner merken, dass da irgendwas nicht stimmt», berichtet die 50-Jährige.

Anfangs hätten sie sich lachende Münder auf die Einwegmasken gemalt und mit den Senioren viel geredet. «Anhand von Mimik und Gestik kommt man bei den Bewohnern aber mehr an als mit Worten. Man ist erstmal wieder eine fremde Person, obwohl man sich schon lange kennt», sagt Steiner.

Wie kann es weitergehen?

Wie lange diese Situation noch aufrecht zu erhalten ist, beschäftigt auch Eva El Samadoni, wenn sie im verwaisten Speisesaal des Kurt-Engert-Hauses steht. «Die Pflegeheime zu öffnen geht aus meiner Sicht erst, wenn wirklich eine Lösung gefunden ist», mahnt sie zur Vorsicht. El Samadoni ist die Geschäftsführerin der Kieler Stadtkloster Pflegedienst gGmbH. «Wir wissen ja, dass wir eine Gruppe versorgen, die sehr gefährdet ist. Deshalb bin ich dafür, dass es erstmal so eine kleine Mini-Lockerung gibt». Vorstellbar wäre demnach, dass Bewohner jeweils einen Angehörigen unter Beachtung aller Hygienemaßnahmen empfangen.

Auch der Paritätische Wohlfahrtsverband plädiert für eine Öffnung. Sprecherin Julia Bousboa betont allerdings, dass diese schrittweise und in enger Abstimmung mit den Pflegeheimen stattfinden sollte. «Wir müssen uns jetzt Gedanken machen, was diese wochenlange Isolation mit den Menschen macht», so Bousboa. Corona sei längst nicht mehr die einzige Gefahr: «Es bestehen große Risiken wie Depressionen, Suizid und Demenzverstärkung», sagt sie und fordert: «Das muss jetzt gegeneinander abgewogen werden».

Dass die Situation nicht mehr haltbar ist, darüber scheint es einen Konsens zu geben. Zumindest heißt es auch aus dem Kieler Gesundheitsministerium, dass die jetzige «Isolierung und Betretungsverbote keine Lösung von Dauer» seien. Deshalb werde zurzeit auch «daran gearbeitet, unter welchen Voraussetzungen und Bedingungen Ausnahmen vom Betretungsverbot möglich sein können».

Eine Ausnahme vom Betretungsverbot würde sicherlich auch Seniorin Plagemann freuen. Zurzeit telefoniert sie täglich mit ihrer Tochter. Ihre Schwester hat sie auch schon länger nicht gesehen – obwohl sie ganz in der Nähe wohnt. Eine Lockerung ließe sich derzeit noch nicht konkretisieren, heißt es aus dem Ministerium. Der Erlass, der auch das Betretungsverbot regelt, gilt noch bis zum 3. Mai. Was danach kommt, ist unklar. Karin Plagemann muss also noch warten, bis sie ihre Liebsten wiedersehen kann.

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