Corona-Pandemie -

Thesenpapier zur Pandemie Corona: Eine neue Krankenhausinfektion?

Kliniken und Pflegeheime entwickeln sich immer mehr zu Infektionsherden des Coronavirus. Das erfordere laut sechs Experten aus Pflege, Medizin und Wissenschaft neue Schutzmaßnahmen. In einem Thesenpapier haben sie nun konkrete Forderungen an die Politik veröffentlicht.

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Sechs Experten aus Pflege, Medizin, Sozialwissenschaften und Recht haben ein gemeinsames Thesenpapier zur Corona-Pandemie veröffentlicht. Dazu zählen auch Hedwig François-Kettner, ehemalige Pflegedirektorin der Charité und Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, und Gesundheitsforscher Gerd Glaeske, Universität Bremen.

Laut dem Paper entwickelt sich Corona immer mehr zu einer nosokomialen Infektion, denn das Virus wird mittlerweile verstärkt in Kliniken und Heimen übertragen. Das veränderte Infektionsgeschehen erfordere auch eine Anpassung der Maßnahmen. Risikogruppen, Menschen in Pflegeheimen und Patienten in Kliniken sollen stärker geschützt werden. Der Rest der Gesellschaft könnte so schrittweise wieder hochgefahren werden. Auch die Zahl der Infizierten sei häufig nicht aussagekräftig, aus dem Grund sollte flächendeckender getestet werden.

Drei Thesen im Überblick

  1. Datenbasis verbessern
    Die Autoren zweifeln an der Zahl der gemeldeten Infektionen, da sie ein vergangenes und unvollständiges Bild der aktuellen Lage zeigen. Viele bereits Infizierte tragen das Virus in sich, ohne dass es sich köperlich äußert (sog. asymptomatische Träger, Anteil: 80 Prozent). Auch würde die Zahl der täglich beim RKI gemeldeten Fälle v.a. durch die Testverfügbarkeit und Anwendungshäufigkeit beeinflusst.
  2. Risikogruppen gezielt schützen
    Die Präventionsmaßnahmen (z.B. social distancing) sind schlecht abgesichert, ihre Wirksamkeit beschränkt und paradox (je wirksamer, desto größer ist die Gefahr einer „zweiten Welle“) und sie sind hinsichtlich Kollateralschäden nicht effizient. Analog zu anderen Epidemien (z.B. HIV) müssen sie daher ergänzt und allmählich ersetzt werden durch Zielgruppen-orientierte Maßnahmen, die sich auf folgende vier Risikogruppen beziehen: hohes Alter, Vorerkrankungen, nosokomialer Kontakt, Zugehörigkeit zu einer Region mit vielen Infektionsherden.
  3. Bürgerrechte wahren
    Die Maßnahmen treffen Personen mit niedrigem Einkommen und Selbstständige deutlich stärker als Personen mit größerem finanziellen Spielraum. Das verstärke die soziale Ungerechtigkeit ubd schafft neue gesellschaftliche Konfliktherde. Außerdem dürfen demokratische Grundsätze und Bürgerrechte nicht gegen Gesundheit ausgespielt werden.

Zum Thesenpapier

Die sechs Autoren des Thesenpapiers

  • Prof. Dr. med. Matthias Schrappe, Universität Köln, ehem. Stellv. Vorsitzender des Sachverständigenrates Gesundheit
  • Hedwig François-Kettner, Pflegemanagerin und Beraterin, ehem. Vorsitzende des Aktionsbündnis Patientensicherheit, Berlin
  • Dr. med. Matthias Gruhl, Arzt für Öffentliches Gesundheitswesen, Hamburg/Bremen
  • Franz Knieps, Jurist und Vorstand eines Krankenkassenverbands, Berlin
  • Prof. Dr. phil. Holger Pfaff, Universität Köln, Zentrum für Versorgungsforschung, ehem. Vorsitzender des Expertenbeirats des Innovationsfonds
  • Prof. Dr. rer.nat. Gerd Glaeske, Universität Bremen, SOCIUM Public Health, ehem. Mitglied im Sachverständigenrat Gesundheit
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