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Lesetipp Chorea Huntington als packender Roman

Wenn von neurodegenerativen (Erb-)Krankheiten die Rede ist, geht es meist um Demenz. Ein neuer Roman rückt nun Chorea Huntington ins Rampenlicht: Die promovierte Neurowissenschaftlerin Lisa Genova beschreibt in „Ein guter Tag zum Leben“ – verpackt in eine dramatische Familiengeschichte – die heimtückische Entwicklung, die langfristig unaufhaltsam zum Tod führt. Aufwühlend, informativ und unbedingt lesenswert! Ähnlich wie zuvor ihr Welterfolg „Still Alice – Mein Leben ohne gestern“.

Eher wenig ist zu Chorea Huntington bekannt. Die neurodegenerativen Erbkrankheit, gekennzeichnet durch einen fortschreitenden Verlust der Willkürmotorik und die Zunahme unwillkürlicher Bewegungen, wird typischerweise zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr diagnostiziert und kann anhand genetischer Tests bestätigt werden, da eine einzige Genmutation diese Krankheit verursacht. Langfristig führt sie unaufhaltsam zum Tod.

In Deutschland sind schätzungsweise 10.000 Menschen betroffen.

Erste körperliche Symptome sind etwa ein Gleichgewichtsverlust, verminderte Geschicklichkeit, Stürze, eine lallende Sprechweise und Schluckbeschwerden. Allerdings können bereits 15 Jahre vor solchen motorischen Störungen ganz andere Vorzeichen auftreten, darunter Depressionen, Apathie, Paranoia, Zwangsneurose, Wutausbrüche sowie eine verminderte Geschwindigkeit und/oder Flexibilität bei der kognitiven Verarbeitung, auch Gedächtnisstörungen.

Kontrollverlust programmiert

Schon auf den vorderen Seiten von „Ein guter Tag zum Leben“ baut die US-Autorin, promovierte Neurowissenschaftlerin, anteilig erste dieser Anzeichen ein. Um dann diese Geschichte zu erzählen, die in Boston spielt:

Als Joe O’Brien erfährt, dass er an der seltenen Krankheit Chorea-Huntington leidet, ist er 44 Jahre alt. Wenn es gut läuft, bleiben dem Polizisten noch zehn Jahre. Jahre, in denen er die Kontrolle über seinen Körper mehr und mehr verlieren wird. Wie jedes seiner vier Kinder muss auch die 21-jährige Katie befürchten, die Krankheit ihres Vaters geerbt zu haben. Gewissheit könnte ein Gentest bringen. Doch kann sie tatsächlich mit dem Wissen leben, das der Test ans Licht bringt?

Will man das wirklich wissen – die Frage treibt ebenso den Leser fortan um.

Emotionen ohne Tränendrüse

Nach ihrem Bestseller „Still Alice – Mein Leben ohne gestern“ über eine frühe Form von Demenz (auch als Kinofilm ein OSCAR-prämierter Welterfolg), zwei Nachfolge-Büchern – zur Neglect-Aufmerksamkeitsstörung bzw. über Autismus – besticht ebenfalls der vierte Roman von Lisa Genova durch die Kombination aus einem überaus anspruchsvollen Thema mit stilsicherer Umsetzung.

Dabei überzeugt vor allem die Gratwanderung, zum einen handwerklich-fachlich informieren zu wollen, zum anderen dem Leser eine so spannende wie gefühlvolle Story zu bieten. Kaum eine der gut 400 Seiten, die man verpassen wollte: Zielsicher läuft ein Spannungsbogen durch, den die Autorin geschickt mit Fakten und – das ist der Vorteil des Roman-Genres – mit Emotionen an den richtigen Stellen anreichert. Ohne gesondert auf die Tränendrüse zu drücken.

Nach ihrem Psychologiestudium hat L isa Genova an der Universität Harvard in Neurowissenschaft promoviert. Offenbar eine perfekte Voraussetzung, um auch feinfühlige und kluge Romane zu schaffen, die noch das Abschiednehmen irgendwie erleichtern. „Ein guter Tag zum Leben“ – ein guter Tag zum Lesen. Unterhaltung mit Auszeichnung!

Buchtipp:
Genova L. (2016) Ein guter Tag zum Leben. Köln: Bastei Lübbe
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