Onlinekolumne Brot für die Pflege?

Vor 60 Jahren erforderte die Situation die Gründung von Entwicklungshilfeorganisationen wie „Brot für die Welt“. Ist im Jahr 2020 eventuell die Gründung von „Pflege für Deutschland“ angesagt?

Dipl.-Ing. Eckhard Eyer, Perspektive Eyer Consulting in Ockenfels, Kontakt: info@eyer.de – © Eckhard Eyer

In der Advents- und Weihnachtszeit werben viele Organisationen um Spenden, so z.B. für die Arbeit in Entwicklungsländern. Vor 60 Jahren wurde „Brot für die Welt“ gegründet, ein Jahr zuvor „Misereor“, drei Jahre später die „Deutsche Welthungerhilfe“. Die ausgehenden 50er Jahre des letzten Jahrhunderts waren geprägt vom Wunsch der deutschen Bevölkerung, den Hunger in der Welt zu lindernund die Menschen zu befähigen, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Hilfe zur Selbsthilfe war die Botschaft. Die Menschen in den Entwicklungsländern sollten von ihrer Hände Arbeit leben können. Verantwortung für Welt und selbstloses Handeln waren die Motive damaliger und heutiger Spender.

Deutschland war und ist Exportweltmeister, hat Handelsüberschüsse generiert und eine Industrie aufgebaut, in der zu arbeiten finanziell attraktiv und sehr anerkannt ist. Die produzierenden Unternehmen – insbesondere in der Automobilindustrie – zählen in Deutschland zu den begehrtesten Arbeitgebern.

Gesundheitswirtschaft

Die Gesundheitsbranche hat mit dieser Entwicklung am Arbeitsmarkt nicht mitgehalten. Schließlich erwirtschaftete sie in der öffentlichen Wahrnehmung keine Außenhandelsüberschüsse, sondern sie brachte nur Kosten für die Sozialversicherungssysteme. Diese Kosten wurden mit den verschiedenen Kostendämpfungsgesetzen ab 1977 begrenzt. Dass die Kostendämpfungsgesetze sich auch auf die Tarifentwicklung in der Gesundheits- und Pflegewirtschaft und die Wertschätzung der dort beschäftigten Menschen auswirkte, war nur eine Frage der Zeit. Das sich junge Menschen heute wegen des Images der Branche und der Arbeitgeber, den Arbeitsbedingungen und den Verdienstchancen sowie der betrieblichen Sozialleistungen nicht mehr für den Pflegeberuf entscheiden, ist nachvollziehbar und marktkonform.

Dienstleister haben die Zeichen der Zeit erkannt

Unternehmen, die Personalservice in der Gesundheitswirtschaft anbieten, haben die Zeichen der Zeit erkannt. Sie bieten ihren Mitarbeitern heute attraktive Arbeitsbedingungen. Ein Blick auf ihre Internetseiten zeigt, dass nicht selten die wöchentliche Arbeitszeit bei 35 Stunden liegt und das bei einem Verdienst in Höhe von 40 Stunden/Woche. Die Wochentage, an denen die Mitarbeiter arbeiten können, könnnen ausgewählt werden, freie Wochenenden sind garantiert, die Zeitzuschläge sind attraktiv, die Anfahrten zur Arbeitsstelle sowie Parkgebühren werden bezahltund die Gebühren für die Kindertagesstätten für Kinder bis zur Schulpflicht werden übernommen.

Paradoxe Situation

Ich erlebe es nicht selten, dass qualifizierte junge Mitarbeiter, die in einem Krankenhaus ausgebildet wurden und sehr geschätzt sind, zu einem Personaldienstleister gehen und sich dann zu besseren Arbeitsbedingungen an „ihrem alten Arbeitgeber“ längerfristig verleihen lassen. Der Arbeitgeber ist – so scheint es – aufgrund der Personalsituation zu diesen teuren Maßnahmen gezwungen. Die Stammmannschaft, die ehemaligen Kollegen, haben dann das Nachsehen. Sie müssen die Schichten übernehmen, die die Personalleasingfirmen nicht übernehmen. Und es werden die Mitarbeiter der Stammmannschaft „aus dem Frei gerufen“, wenn es brennt. Das sorgt nicht selten „für böses Blut“.

Der Homo oeconomicus in der Pflege

Diese Situation halten die Einrichtungen und ihr Stammmitarbeiter auf Dauer nicht aus. Die Pflegekräfte, die ihren Beruf einmal aus Berufung gewählt haben, lernen, dass sie wirtschaftlich denken müssen. Sie nehmen zunehmend die Rolle des Homo oeconomicus an, nicht selten gegen ihre Überzeugung.

Worte des Pflegebeauftragten im April 2018

Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus , forderte im April 2018 bei seinem Amtsantritt, dass die Mitarbeiter in der Pflege nur noch 80 Prozent ihrer bisherigen wöchentlichen Arbeitszeit arbeiten, dabei aber weiterhin 100 Prozent ihres Gehalts erhalten sollten. Sie können heute, gut 1,5 Jahre später, bewerten, ob diese Aussage weitsichtig oder realitätsfremd war.

Vor 60 Jahren erforderte die Situation die Gründung Entwicklungshilfeorganisationen wie „Brot für die Welt“. Ist im Jahr 2020 eventuell die Gründung von „Pflege für Deutschland“ angesagt?    

Kontakt zum Autor:
Dipl.-Ing. Dipl.-Kfm. Eckhard Eyer ist Gründer von Perspektive Eyer Consulting in Ockenfels, Kontakt: info@eyer.de, www.eyer.de