Digitalisierung -

Münchner „Digital Health Summit“ Big Data und MS: Zwischen Fortschritt und Datenschutz

In Verbindung mit Daten anderer Patienten kann die digitale Krankengeschichte dabei helfen, den Verlauf und Therapieerfolg einer Krankheit zuverlässiger vorherzusagen. Vor allem für Erkrankungen wie der Multiplen Sklerose (MS), die sehr unterschiedlich verlaufen kann, ist das eine große Chance. Das Konsortium Difuture unter der Leitung der TU München präsentiert seine Arbeiten auf dem Münchner „Digital Health Summit 2018“ Ende November.

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2015 sind MS-Erkrankungen bayernweit 60 Prozent häufiger aufgetreten als noch neun Jahre zuvor. Das zeigt eine aktuelle Studie, die unter der Leitung von Bernhard Hemmer, Professor für Neurologie an der Technischen Universität München (TUM) und Mitglied des Difuture-Konsortiums, durchgeführt wurde. Er und sein Team werteten hierfür Daten von über zehn Millionen Menschen aus, darunter im Jahr 2015 knapp 30.000 MS-Erkrankte.

Patientendaten für die Forschung nutzbar machen

„Große medizinische Datensätze sind für uns in der Klinik unglaublich wertvoll. Sie verraten uns, ob es Parallelen beim Krankheitsverlauf gibt, ob es einheitliche Vorerkrankungen oder klinische Anzeichen gibt. Nur mit diesem großen Datenpool können wir statistisch verlässliche Aussagen treffen, die wir aus einzelnen Patientenakten unmöglich herauslesen könnten“, erklärt Hemmer. Als Teil von Difuture erheben Neurologen wie

  • Prof. Hemmer an der TUM,
  • Prof. Martin Kerschensteiner an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU),
  • Prof. Ulf Ziemann an der Universität Tübingen sowie
  • Prof. Markus Naumann und
  • Privatdozent Dr. Antonius Bayas am Klinikum Augsburg

große Datenmengen von Patienten mit Multipler Sklerose. Zusammen mit Informatikern arbeiten sie an einer Vereinheitlichung und Zusammenführung dieser Daten, auf denen Biostatistiker und Bioinformatiker Analysen durchführen, bei denen Methoden der Künstlichen Intelligenz (KI) und des maschinellen Lernens eine Rolle spielen. Wichtig sei auch die Integration von Bildgebungsdaten, sodass den Neuroradiologen der Standorte eine wesentliche Aufgabe zukommt. Die Vorarbeiten, zusammen mit einem weiteren Difuture-Partner aus dem Versicherungsbereich, lieferten bereits erste Ergebnisse: MS-Patienten haben bereits fünf Jahre vor ihrer eigentlichen Diagnose sehr viel häufiger Erkrankungen wie Angststörungen, depressive Episoden oder unspezifische Seh- und Gefühlsstörungen.

MS sei die erste Erkrankung, für die die Wissenschaftler von Difuture Verfahren entwickeln und testen, um medizinische Daten sicher und zuverlässig für die Forschung und im klinischen Alltag nutzen zu können. Das ist ein Ziel des Difuture-Forschungsverbunds, der mit mehr als 28 Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. Für weitere Krankheiten wie Parkinson und Krebs, Schlaganfall und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollen die neuen Verfahren bald auch eingesetzt werden.

Datenintegration und Datenschutz als Schwerpunkte

Ein besonderer Schwerpunkt von Difuture liege beim Datenschutz. Beim „verteilten Rechnen“ verlassen Daten aus der Krankenversorgung das Krankenhaus überhaupt nicht, sie sind nur im Krankenhaus selbst gespeichert. Um sie dennoch zusammen mit Daten aus anderen Kliniken zu nutzen, werden innovative Verfahren eingesetzt, die dem Prinzip „Bringe die Analyse zu den Daten“ (und nicht: die Daten zur Analyse) folgen. Man wolle zudem untersuchen, wie man Daten, die nicht für die Forschung, sondern für die Krankenversorgung erhoben worden sind, nicht nur sicher, sondern auch ohne eventuell auftretende Verzerrungen für die Forschung nutzen kann.

„Die Medizin der Zukunft wird mehr denn je sorgfältig erhobene und zusammengeführte Daten benötigen und verwenden – deshalb müssen wir jetzt die Werkzeuge entwickeln, damit diese Daten möglichst vielen Patienten zu Gute kommen. Gerade angesichts der immer komplexer werdenden Vernetzung muss aber völlig klar sein, dass die Daten den einzelnen Personen gehören und konsequent geschützt werden müssen“, erklärt Klaus Kuhn, Professor für Medizinische Informatik an der TUM und Leiter des Konsortiums.

Hintergrundwissen

Difuture ist eines von bundesweit vier Konsortien der Medizininformatikinitiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Partner des Konsortiums sind

  • TUM,
  • LMU München,
  • die Universität Tübingen mit ihren jeweiligen Uniklinika,
  • die Universität,
  • das Universitätsklinikum des Saarlandes,
  • das Universitätsklinikum Regensburg sowie
  • die Universität und das Klinikum Augsburg.

Mit der Medizininformatik-Initiative sollen die Chancen der Digitalisierung in der Medizin für Versorgung und Forschung bestmöglich genutzt werden.

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