Digitale Pille Big Brother sendet aus dem Magen

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Im Science-Fiction-Kassenschlager „Matrix“ schluckt der Hacker Neo eine rote Pille, die ihm die Augen über die computersimulierte Welt in der Matrix öffnet. Er findet sich plötzlich in der brutalen Realität wieder – die Pille der Wahrheit.

„Willst du die rote oder die blaue Pille? Überlege es dir gut.“ Wer kennt sie nicht, diese Schlüsselszene aus „Matrix“, in der Morpheus Neo vor die Wahl zwischen einer roten und einer blauen Pille stellt … – © diy13 (stock.adobe.com)

Im November 2017 erteilte die U.S. Food and Drug Administration (FDA) erstmalig die Zulassung einer digitalen Pille namens Abilify MyCite, die das Tor zu einer neuen Art einer digitalen Cyborg-Identität öffnet. Sie wurde für Patienten entwickelt, die die vom Arzt vorgeschriebene Medikation nicht be­folgen. Gegen Vergesslichkeit mag die digitale Pillendose helfen. Medikamente bis zu einer Wochenration mit viermaligen Tageseinnahmen können dort abgelegt werden. Eine Digitaluhr erinnert Patienten mit audiovisuellen Alarmen an die Einnahmezeit.

Aber was, wenn der Patient seine Pillen nicht schlucken will? Nur 50 bis 70 Prozent gehen mit einem Rezept vom Arzt zur Apotheke, gerade einmal 25 bis 30 Prozent nehmen das Medikament ein. Ein Drittel der verordneten Medikamente landet in der Toilette oder im Müll. So findet man in Seen und Flüssen heute 150 Wirkstoffe wie Schmerzmittel, Antibiotika und Hormone. Die Digital Pill von Otsuka Pharmaceuticals enthält z.B. das Anti­psychotikum Aripiprazol, das zur Behandlung von Schizophrenie, bipolarer Störung und Depressionen dient. Der eingebettete digitale Sensor aus Kupfer, Magnesium und Silizium in der Größe eines Sandkorns funktioniert wie eine Batterie, indem er ein elektrisches Signal abgibt, sobald er die Magensäure erreicht. Dann sendet er per Bluetooth Datum und Uhrzeit der Einnahme an ein auf der Haut getragenes Pflaster, das diese Daten an eine Smartphone-App weiterleitet. Die Sensorteile werden auf dem natürlichen Verdauungsweg ausgeschieden. Der Patient kann seinem Arzt und bis zu vier weiteren Personen die Einsicht dieser Daten in einem cloudbasierten System gewähren. Neun Gesundheitssysteme in sechs US-Staaten verschreiben bereits digitale Pillen gegen Bluthochdruck und Hepatitis C. Das Unternehmen etectRx in Florida beantragt gerade eine FDA-Zulassung für einen weiteren einnehmbaren Sensor, dessen Funksignal von einer kleinen Antenne in der Nähe empfangen werden kann – ohne aufgeklebtes Pflaster z.B. in einem Uhrenarmband oder in einem Handy. Der ID-Cap wird zurzeit mit Opioiden, HIV-Medikamenten und anderen Drogen klinisch getestet.

Es geht aber auch ohne FDA-Zulassung: Unternehmen wie AiCure benutzen mittels KI eine visuelle Erkennungstechnologie, um festzustellen, ob der Patient eine Pille geschluckt hat. Diese Einnahmekontrolle wird bereits bei Herzproblemen, Schlaganfall und anderen Erkrankungen eingesetzt oder getestet.

Ethische Bedenken

Von vielen Ärzten werden ethische Bedenken angemeldet. Sie befürchten durch die unpersönliche Kontrolle eine Beschädigung des Vertrauensverhältnisses zum Patienten. Krankenkassen könnten die digitale Pille als Zwangsmittel einführen. Kritiker sprechen sogar von einem Biomedical Big Brother, der v.a. bei psychisch labilen Menschen bestehende Paranoia verschlimmern oder neue Ängste auslösen kann. Die Datensammlung in der Cloud erweckt vermutlich kommerzielle Gelüste zur missbräuchlichen Verwertung von Gesundheitsdaten. Zudem werden unbekannte Bedrohungen für Cyber­sicherheit und Hacking befürchtet.

Die kritischen Blogger von Rubikon News haben natürlich schon längst eine simple Lösung parat, wie sie diese Überwachung umgehen können: Die digitale Pille einfach in ein Wasserglas mit einer Essiglösung werfen, Pflaster außen ankleben – und fertig ist die positive Einnahmemeldung.

Manfred Kindler, KKC-Vorsitzender, Kontakt: m.kindler@kkc.info