Gesundheitswirtschaftskongress 2021 Bewusstsein für das Asset Gesundheitsversorgung

Beim Hamburger Kongress stand die künftige Rolle der Gesundheitswirtschaft angesicht bekannter Herausforderungen im Fokus. Die Diskussion darüber, ob sie „Sanierungsfall“ oder „Wachstumsmotor“ ist, zeigte, dass es zunächst einmal ein gesamtgesellschaftlich getragenes Leitbild braucht.

Sie ist konjunkturunabhängig, trägt zu einer stabilisierenden Nachfrage bei und ist zudem Beschäftigungsmotor: die Gesundheitswirtschaft. Ihre Bruttowertschöpfung lag zuletzt bei knapp 370 Milliarden Euro, mehr als zwölf Prozent des Bruttoinlandsproduktes. 53 Prozent der Bruttowertschöpfung stammen aus dem stationären und ambulanten Bereich. Die Gesundheitswirtschaft ist damit auf „Wachstums- und Expansionskurs“, wie es beim Bundesgesundheitsministeriums heißt. Gleichzeitig steht eben diese Gesundheitswirtschaft in einigen Teilbereichen vor massiven Hürden: Fehlende Investitionsmittel, Überregulierung, unzureichende Krankenhaus- und Pflegefinanzierung, Fachkräftemangel, …, die Liste ist lang. Angesichts dieses Settings ist die Frage, ob die Gesundheitswirtschaft Wachstumsmotor oder doch eher Sanierungsfall ist, eine berechtigte. Auf dem Gesundheitswirtschaftskongress am 21. und 22. September 2021 zeigte eine Podiumsdiskussion mit
Dr. Petra Bohnhard, MBA, Geschäftsführerin am Klinikum Magdeburg,
Andreas Ellmaier, Leitender Ministerialrat und Leiter Gesundheits- und Pflegewirtschaft am Bayerischen Staatsministerium für Ge sundheit und Pflege,
Dr. Pedram Emami, MBA, Präsident der Ärzte kammer Hamburg,
Dr. Uwe Gretscher, Vorstandsvorsitzender der Kliniken Südostbayern und
Dr. Markus Horneber, Vorstandsvorsitzender bei Agaplesion,
dass es für eine solide Grundlage der künftigen Gesundheitswirtschaft und das Schließen der Lücken an den „Sanierungsbaustellen“ im ersten Schritt nicht um die Frage der Finanzierung gehen darf. Stattdessen braucht es eine gesamt gesellschaftliche Diskussion darüber, was von einem Gesundheitswesen erwartet wird – und einen Paradigmenwechsel.

„Wir müssen uns fragen, was wir uns von unserem Gesundheitswesen für die Bevölkerung erwarten und was wir dafür tun müssen“, öffnete der Vertreter der Ärzteschaft, Dr. Emami. Zustimmung erhielt er dafür nicht nur von Seiten der Krankenhäuser, sondern auch von der Politik. „Die Pandemie hat uns vor Augen geführt, dass sowohl Gesundheit als auch Wirtschaft existenziell sind. Die Wertschätzung und das Bewusstsein um die Bedeutung sind gewaltig gestiegen“, betonte Ellmaier. „Das Gesundheitswesen als Kostenfaktor zu betrachten, war in der Vergangenheit mit Ursache für einige Bereiche, in denen wir jetzt Sanierungsthemen haben“, kritisierte Dr. Gretscher. Er forderte da her Anreizsysteme, um das „fantastische Asset Gesundheitswesen“ zu platzieren und den Wert den Gesundheitswirtschaft im 21. Jahrhundert ins Zentrum der strategischen Zielsetzungen zu stellen. „Es ist unsere Aufgabe, die Ressourcen, die wir zur Verfügung haben, gut auszurichten und das Richtige damit zu tun“, erinnerte Dr. Horneber und erklärte: „Es gibt unglaublich viel, was wir in den Krankenhäusern tun können, wenn wir die richtige Perspektive einnehmen und die Patientinnen und Patienten verantwortungsvoll über ihre Zeit in stationärer Umgebung hinaus begleiten.“ Er spielte damit auch auf die Chancen der präventiven Versorgung an, die ohne Zweifel eine tragende Säule der künftigen Gesundheitswirtschaft werden kann. „Wir müssen in Richtung Prävention statt Therapie“, forderte Dr. Emami. Das Individuum sei dabei aber noch mehr gefragt als die Leistungserbringer. Und hier kommt wieder die Politik ins Spiel: Bei der Definition, Kommunikation und dem Bewusstsein um Prävention statt Reparaturmedizin wurde sie einstimmig aufgefordert, einen Paradigmenwechsel voranzutreiben.

„Die neue Regierung darf nicht zurückfallen in das Prinzip, das Gesundheitswesen primär als Kostenfaktor zu betrachten. (…) Gesundheit ist eines der größten Assets des 21. Jahrhunderts.“

Dr. Uwe Gretscher
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    Prof. Heinz Lohmann bei der Eröffnungsdiskussion auf dem Gesundheitwirtschaftskongress 2021 Ende September in Hamburg.
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    Podiumsdiskussion zur Frage: Gesundheitswirtschaft nach der Krise: „Wachstumsmotor“ oder „Sanierungfall“? Es diskutierten Dr. Pedram Emami, Präsident der Ärztekammer Hamburg (2.v.l.), Dr. Markus Horneber, Vorstandsvorsitzender Agaplesion gAG (3.v.l.), Dr. Petra Bohnhardt, MBA, Geschäftsführerin Klinikum Magdeburg (3.v.r.), Dr. Uwe Gretscher, Vorstandsvorsitzender der Kliniken Südostbayern (2.v.r.), und Andreas Ellmaier, Leitender Ministerialrat und Leiter Gesundheits- und Pflegewirtschaft am Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege (r.) unter der Moderation von HCM-Chefredakteurin Bianca Flachenecker.

Aber was wünschen sich eigentlich die Patientinnen und Patienten, die ohne Frage im Zentrum des Gesundheitsmarktes stehen? „Eine sehr wichtige und sehr schwierige Frage“, gestand Dr. Emami. Seine Berufsgruppe sei hier besonders gefordert, indem sie eine vertrauensvolle, fachkundige und transparente Kommunikation auf Augenhöhe schaffe, damit die erste Konsultation nicht bei Google lande. „Wir müssen uns aber auch fragen, welches Vertrauen vermitteln wir den Menschen ins Gesundheitssystem, wenn wir immer davon sprechen, dass kein Geld da ist und Betten leerstehen“, sagte Dr. Gretscher. Auch hier wünschten sich die Diskutierenden in der Kommunikation mehr Fokus auf den Wert, damit Vertrauen entstehen kann, um einer Branche, die im Drei-Schichten-Betrieb arbeitet, zu mehr Geltung zu verhelfen.“

Dass es nach diesen gemeinsamen Erkenntnis sen nun endlich jemanden braucht, „der den Mut hat, es wirklich anzugehen“, gab Dr. Bohnhardt zu bedenken, „wir dürfen nicht nochmal fünf Jahre diskutieren.“ Ist gesamtgesellschaftlich und transparent definiert, was die Gesundheitsversorgung leisten soll und ein Bewusstsein über ihren Wert entstanden, können im Anschluss in einer ehrlichen Diskussion die dafür nötigen Strukturen geschaffen und darauf aufbauend kann das Vergütungssystem angepasst werden. Damit die Gesundheitswirtschaft dabei die neue Leitökonomie auf Wachstumskurs ohne Sanierungsfälle werden kann, wurden einstimmig mehr Freiheiten und Vertrauen gegenüber den Leistungserbringern gefordert, um „den guten Gedanken für die Versorgung“ und den gemeinsamen Anstrengungen – auch in Zusammenarbeit mit Start-ups und der Wissenschaft – die Möglichkeit zur Umsetzung zu geben.

„Es bedarf zunächst einer Strukturreform und im Anschluss einer Vergütungsreform. Das darf nicht zu lange dauern, wir dürfen nicht noch fünf Jahre diskutieren.“

Dr. Petra Bohnhardt

Der Gesundheitswirtschaftskongress 2022 findet am 21. und 22. September 2022 statt.