Personalentwicklung -

Interview Besser Führen: Wie Chefärzte Teamkonflikte vermeiden

Mitarbeiterzufriedenheit hängt oft von Führungskräften ab. Doch werden Chef- und Oberärzte ausreichend auf ihre Aufgaben vorbereitet? HCM sprach mit Psychologe und Coach Matthias Barkhausen über die Top drei Konflikte in Klinikteams und wie es gar nicht dazu kommen muss.

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Corona hat Führungskräfte in Kliniken, insbesondere Chefärzte, stark herausgefordert?

Barkhausen: Ja, Corona hat Chefärzte v.a. zu Beginn in ihrer Krisenmanagement-Kompetenz gefordert. Meiner Erfahrung nach ist dies meist eine besondere Stärke von Ärzten, weil auch ein Teil ihres beruflichen Alltags durch ähnliche Ereignisse (z.B. Unfälle, unerwartete Krisen) geprägt ist. Als dann weitaus weniger COVID-19-Patienten in die Kliniken kamen, entstand eine seltsame Situation des angespannten Nicht-Ausgelastet-Seins, die sich mitunter in internen Konflikten entladen hat, wie z.B. darum, wann von welchem Mitarbeiter in welchem Maße Überstunden abgebaut werden sollen. Ich hatte den Eindruck, dass viele Chefs darauf weit weniger gut vorbereitet waren als auf die akute Bewältigung der Corona-Krise.

Erhalten Mediziner Kurse, die sie auf Führungsaufgaben vorbereiten (z.B. im Studium)?

Barkhausen: Mediziner werden auf Führungsaufgaben während des Studiums nicht vorbereitet. Meines Erachtens ist dies aber auch nicht eine Aufgabe, die notwendigerweise im Rahmen des Studiums zu vermitteln ist. Wenn sich ein Facharzt jedoch entschließt, die Führungsrolle eines Oberarztes zu übernehmen, dann lautet meine unbedingte Empfehlung, sich gut darauf vorzubereiten. Denn neben der fachlich-medizinischen Expertise ist die Führungskompetenz ein wesentlicher Faktor, um diesen Karriereschritt inhaltlich erfolgreich und persönlich zufriedenstellend zu meistern. Noch besser wäre meiner Ansicht nach, wenn Krankenhäuser systematisch für ihre Chef- und Oberärzte eine Führungskräfteentwicklung anbieten würden. Dies würde mittelfristig dazu führen, dass sich Konflikte reduzieren und die Arbeitszufriedenheit – nicht nur der ärztlichen Mitarbeiter – wächst.  

Als Coach für Chef- und Oberärzte sind Sie oft in Kliniken. Welche Fehler beobachten Sie in der Praxis beim Thema Führen?

Barkhausen: Die meisten Fehler entstehen, weil Chefs nicht oder inadäquat kommunizieren. Dabei ist ein häufiges Muster, dass Chef- und Oberärzte, die über nur wenige Führungskompetenzen verfügen, kommunikativ „aus der Hüfte schießen“, d.h. dass sie reagieren in bestimmten Situation ihrem persönlichen Naturell entsprechend spontan, was aber für den Mitarbeiter und die Situation unangemessen und damit konfliktverschärfend wirken kann.

Welche Tipps können Sie Chef- und Oberärzten geben, damit diese Fehler gar nicht erst passieren? 

Barkhausen: Erstens begrüßen Sie Ihre „Führungsfehler“ als Chance, etwas über sich, Ihr Gegenüber und die Situation zu lernen. Zweitens erweitern Sie systematisch Ihr Handlungsrepertoire, indem Sie Führungskompetenzen entwickeln, z.B. hinsichtlich wertschätzender Kommunikation, Konflikt- und Krisenmanagement, interprofessioneller Zusammenarbeit und Change Management. Und drittens reagieren Sie in kritischen Situationen nicht spontan, sondern mit Impulsdistanz, d.h. halten Sie kurz inne, reflektieren Sie regelmäßig und proaktiv Ihre Führungswirkung, so dass Sie je nach Mitarbeiterpersönlichkeit und Situation die Wahl haben, wie darauf eingehen wollen!  

Was sind die Top 3 Konflikte, denen sich Chef- und Oberärzte häufig gegenübersehen?

Barkhausen: Die drei Konfliktrichtungen sind nach oben, nach unten und nach innen. Was heißt das? „Nach oben“ meint Konflikte mit eigenen Vorgesetzten. Hier ist ein erster Schritt in die Klärung der Erwartungen und Ziele, bevor man sich vorschnell an die Problemlösung macht. So kann man sich einen Blindflug ersparen. „Nach unten“ bedeutet Konflikte mit Mitarbeitern. Hier geht es meist darum, das eigene Führungs- und Handlungsrepertoire zu erweitern. Denn wenn etwas in der Zusammenarbeit nicht funktioniert, dann sollte man vielleicht einen anderen Weg versuchen. „Nach innen“ bezieht sich auf sogenannte Intra-Rollenkonflikte, also innere Konflikte der Führungskraft, die aufgrund der widersprüchlichen Erwartungen von Patienten, Mitarbeitern und Krankenhaus zustande kommen. Oder mit anderen Worten: Als Chef- und Oberarzt kann man den Eindruck bekommen, zwischen allen Stühlen zu sitzen. In meinen Coachings geht es daher häufig darum zu erkennen, dass man nur zwischen den Stühlen aufrecht stehen kann.

Welche Folgen kann mangelnde Führungskompetenz bei Chef- und Oberärzten für Kliniken haben?

Barkhausen: Mangelnde Führungskompetenz wirkt sich direkt auf die Arbeitsatmosphäre im Team und damit auf die Mitarbeiterzufriedenheit aus. Es besteht die Gefahr, dass sich die Fluktuation erhöht, was in Zeiten des Ärztemangels problematisch ist, da zumeist zuerst die guten Assistentenärzte gehen. In extremen Fällen mangelnder Führungskompetenz in Zeiten des Ärztemangels fragt sich mitunter die Geschäftsführung, ob es nicht besser wäre, die Führungsebene auszutauschen, als eine hohe Fluktuation auf der Assistentenebene zu tolerieren.

Welche positiven Effekte kann „gute Führung“ durch Chefärzte für die Einrichtungen haben?

Barkhausen: Viele Studien haben den Einfluss der direkten Führungskraft auf die Arbeitszufriedenheit und Gesundheit der Mitarbeiter belegt. Zufriedenere und gesündere Mitarbeiter binden und engagieren für eine längere Zeit an das Krankenhaus. Der Krankenstand bewegt sich auf einem konstant niedrigen Niveau. Attraktive Arbeitgeber zeichnen sich immer auch durch eine gute Führungsarbeit aus und leisten darüber hinaus eine qualitativ starke Behandlung und Versorgung der Patienten.

Das Online-Coaching „In Führung gehen“ soll speziell Chef- und Oberärzte beim Ausbau ihrer Führungskompetenz unterstützen. Was erwartet Teilnehmer?

Barkhausen: Führungskräfteentwicklung ist heute in Krankenhäusern meistens ein Präsenztraining. Ein solches Präsenztraining kann sehr wirksam sein. Allerdings ist Corona auch hier ein Katalysator für Entwicklungen, die sowieso anstanden. Unser Online-Programm „In Führung gehen“ ist ein Programm, das aus zwei Komponenten besteht: erstens Lehrvideos zu klassischen Führungsthemen, Führungsrolle und -haltung, Gesprächsführung, Konfliktmanagement, interprofessionelle Zusammenarbeit und Change Management. Der Teilnehmer kann diese Tutorials orts- und zeitabhängig bearbeiten, so wie es für ihn am besten passt. Zweitens bieten wir ein begleitendes Online-Gruppencoaching an, in dem Teilnehmer wöchentlich ihre konkreten Fragen und Fälle mit Unterstützung eines Coachs bearbeiten können.

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