Die Kolumne von Eckhard Eyer Belohnen ist nicht einfach: über einen Bonus der Unfrieden stiften kann

„Was waren das noch Zeiten, als man vor fast zwei Jahren im Bundestag für Menschen in der Pflege und andere systemrelevante Menschen in unserer Republik klatschte. Da konnte sich jeder angesprochen und geehrt fühlen und es entstand kein Neid“, meint unser Kolumnist und hat beim Pflegebonus ganz genau hingesehen.

Dipl.-Ing. Eckhard Eyer, Perspektive Eyer Consulting in Ockenfels, Kontakt: info@eyer.de – © Eckhard Eyer

Die neue Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag festgelegt, dass eine Milliarde Euro für einen Pflegebonus bereitgestellt werden und der Steuerfreibetrag auf 3.000 Euro im Jahr steigen soll. Das weckte Erwartungen! Findige Menschen, die sich zum Kreis der Pflegebonusempfänger zählten fingen an zu rechnen und zu überlegen wie sie den Bonus verwenden würden: Urlaub, eine neue Couch oder ein neues Fahrrad?  

Wenn Theorie auf Praxis trifft

Es gehört offenbar zum Verhandlungsgeschick von Koalitionspartnern jeder Regierung in einem Koalitionsvertrag unbestimmte Rechtsbegriffe zu verwenden, die es jedem Koalitionspartner – und auch den interessierten Beobachtern – ermöglichen dem Koalitionsvertrag zuzustimmen. Wenn dann die Theorie auf die Praxis trifft, wird es spannend. In der betrieblichen Praxis ist zu definieren: „Wer gehört zu den potenziellen Empfängern des Bonus?“ Darüber hinaus ist die Frage zu beantworten „Für was wird der Bonus gezahlt?“ Und: Bei einem begrenzten Budget ist die Zahl der potenziellen Bonusempfänger und -empfängerinnen auch interessant, weil sie die Frage beantwortet wie hoch der Bonus sein wird. Die Antworten auf die drei Fragen sind nicht unabhängig voneinander zu geben.  

Babylonische Sprachverwirrung

Unter einer Bonuszahlung versteht man im Personalwesen die Zulage zu einem Arbeitsentgelt, die Arbeitskräfte vom Arbeitgeber erhalten.

Ein Pflegebonus ist demnach – so könnte man auf den ersten Blick meinen – ein Bonus für Menschen, die andere Menschen pflegen, die die Dienstleistung Pflege erbringen. Betrachtet man die Argumente die in der öffentlichen Diskussion genannt werden, erkennt man eine babylonische Sprachverwirrung: Es wird z. B. von „besonderen Belastungen“, „besonderen Leistungen der Pflegekräfte“ und von „Pflegekräften, die ins persönliche Risiko gegangen sind“, gesprochen.

Bei der Gestaltung von Vergütungssystemen würde man von

  • Belastungsboni, für hohe physische und psychische Belastungen,
  • Leistungsboni, für besonders hohe Arbeitsintensität, z.B. durch zusätzliche Hygienemaßnahmen und
  • Gefährdungsboni, für die Arbeit, die die eigene Gesundheit gefährdet – wie die Pflege von Menschen mit Corona – sprechen.

Eckpunkte eines Regelwerks

In einem Regelwerk, z.B. einer Betriebsvereinbarung oder einem Tarifvertrag wäre zu definieren, was die normale Belastung, die normale Leistung und die normale Gefährdung im Arbeitsleben ist und was signifikant oberhalb eines normalen Schwellenwertes liegt und besonders zu honorieren ist. Wenn das System steht, würde man sich die Frage stellen ob es angemessen ist, dass nur Pflegekräfte in den Genuss von Gefährdungsboni kommen oder ob er fairer Weise auch für andere Menschen in den Einrichtungen gilt. Zu denken ist hierbei z.B. an Hauswirtschafts- und Reinigungskräfte die auch Belastungen und Gefährdungen ausgesetzt sind. Im nächsten Schritt wäre abzuschätzen, in welcher Höhe die Boni – bei dem gegebenen Budget und der Anzahl der potentiellen Empfänger – im Durchschnitt ausfallen könnte. Schließlich soll der Pflegebonus „spürbar“ sein.

Lenkungswirkung des Bonus nutzen und Arbeitsbedingungen verbessern

Neben der skizzierten hohen Komplexität eines typischen Bonus-Systems kommen nun noch Forderungen von verschiedenen Interessenvertretern – sogenannten Lobbyisten – die fordern den Bonus zusätzlich mit einer Lenkungswirkung zu versehen, damit ihn z.B. nur geimpfte und genesene Pflegekräfte erhalten. Es wird von anderen Interessenvertretern darauf verwiesen, dass ein Pflegebonus nur ein Feigenblatt ist und die Arbeitsbedingungen inklusive der Bezahlung grundsätzlich ganz neu und besser geregelt werden müssen. Gleichzeitig tritt der Patientenschutz auf den Plan, der befürchtet, dass die anfallenden Kosten das vorgesehene Budget der Bundesregierung sprengen und fordern, dass Teile des Pflegebonus nicht von der gesetzlichen Kranken- oder Pflegeversicherung bezahlt werden dürfen.  

Pflegebonus ist keine „eierlegende Wollmilchsau“

Der „Pflegebonus“, der zur Honorierung der Arbeit der Menschen in der Pflege gedacht ist, darf nicht mit Forderungen überfrachtet werden. Der Pflegebonus darf nicht zur „eierlegende Wollmilchsau“, mit einer nicht überschaubaren Komplexität, werden. Bei der Gestaltung und ein transparentes, als gerecht erlebtes, Bonussystem anzustreben. Dabei ist die faire und administrativ konfliktarme Umsetzung zu bedenken. Schließlich sollen die Belegschaften nicht gespalten, sondern die gute Arbeit, die die Menschen, die in der Pflege arbeiten, honoriert werden.