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Maßnahmen zur Gefährdungsanalyse Befragungsinstrument erfasst psychische Probleme

Die psychische Belastung in den Pflegeberufen wird in der öffentlichen Diskussion meist eher oberflächlich konsentiert. Es entsteht oft der Eindruck, dass Ausfälle von Pflegenden durch psychische Erkrankungen als unvermeidbar hingenommen werden. Ein erster Schritt zur Prävention ist die exakte Erfassung von Daten individueller Belastung in der Pflege mithilfe eines neuen Instruments.

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Die Bedeutung und die Möglichkeiten von Präventionsmaßnahmen werden nicht so klar erkennbar – und erst recht nicht im praktischen Alltag eingeführt und umgesetzt. Dabei sind effektive Maßnahmen durchaus denkbar und beschrieben. Als erster Schritt ist die effiziente Erfassung der spezifischen, individuellen Belastung und die Entwicklung von geeigneter, ebenfalls spezifischer, Prävention zu sehen. Die – sehr unterschiedlichen und unterscheidbaren – psychischen Belastungen von Pflegenden in differenten beruflichen Settings lassen sich mittels des hier vorgestellten Befragungsinstrumentes erfassen und mit der Gesamtstichprobe vergleichen, zudem können Handlungsansätze für den Einzelnen (Verhaltens- prävention) wie das Unternehmen (Verhältnisprävention) abgeleitet werden. Eine erste Auswertung des Befragungsinstruments stellen wir im Folgenden vor.

Detaillierte Angaben zur psychischen Belastung sind rar

Die Tätigkeit in der Pflege wird in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gestellt. Zu wenig Pflegekräfte in allen Bereichen, schlechte Bezahlung, hoher Krankenstand – dies sind nur einige der Aspekte, die vorgetragen werden. Vielfältige Lösungsansätze sind in der Diskussion, von der Anwerbung neuer Pflegekräfte aus dem Ausland über Mindestbesetzungen auf speziellen Krankenhausstationen bis zur Akademisierung der Pflegeberufe.

Die Reduktion der psychischen Belastung von Pflegenden wird ebenfalls immer wieder genannt. Dabei sind detaillierte Angaben und Auswertungen zur Situation in Deutschland rar, internationale Forschungsgruppen haben hier umfangreich publiziert (z.B. Gelsema T.I. et al. 2005). Verschiedene Krankenversicherer (z.B. Knieps F. Pfaff H., BKK-Gesundheitsreport 2016) und Forschungsinstitute (Isfort M. 2018) berichten über den berufsbezogenen Krankenstand, die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) hat 2014 ein „Factsheet“ erstellt und die psychischen Belastungen der Pflegekräfte dargestellt (BAuA 2014) und bei der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienste und Wohlfahrtspflege (BGW-Pflegereport 2006, BGW-online 2019) finden sich Hinweise für die Erstellung einer psychischen Gefährdungsanalyse und Anregungen für entsprechende Prozesse zur Verbesserung der Situation. In einer Publikation zum Thema (Zimber A. 2015) wird auf die Kernproblematik fokussiert, dass weniger das Wissen über die bestehenden psychischen ­Defizite ungenügend sei als vielmehr die Umsetzung zu wünschen übrig lasse.

Pflicht zur psychischen Gefährungsanalyse vorgegeben

Es werden drei Schritte gefordert, um in den Pflegeberufen eine Reduktion von hohen psychischen Belastungen und Prävention psychischer Erkrankungen erreichen zu können. Diese seien

  • erstens selbstschützendes Verhalten schon in den Ausbildungsinhalten zu vermitteln,
  • zweitens Früherkennung von psychischen Belastungen zu fördern und
  • drittens arbeitsplatznahe Präventionsmaßnahmen umzusetzen.

Der Gesetzgeber hat seit 2013 die Pflicht zur psychischen Gefährdungsanalyse vorgegeben, Krankenkassen führen Maßnahmen zur Erkennung und Bewältigung von psychischen Belastungen durch, doch aus unserer alltagspraktischen Sicht kommen in der Realität der Pflegenden solche Maßnahmen selten an. Das ist gerade wegen des aus demografischen Gründen zu erwartenden Bedarfs an Pflegekräften in den nächsten Jahren und Jahrzehnten fatal.

Wichtige Vergleiche innerhalb der Berufsgruppen

Im Schwerpunkt „Betriebliches Gesundheitsmanagement – Psychische Gefährdung“ am Neuropsychiatrischen Zentrum Hamburg haben wir ein neuartiges Instrument zur Erfassung von psychischen Belastungen bei Pflegekräften entwickelt und während und nach dem Deutschen Pflegetag 2019 in Berlin eingesetzt. Das Instrument erfasst

  • einerseits so umfassend wie möglich die wesentlichen Aspekte aus dem Berufsalltag der Pflegenden,
  • andererseits ist durch die Konzentration auf aussagekräftige Kernfragen der zeitliche Aufwand der Erhebung so kurz wie möglich gestaltet.

Gleichzeitig wird durch die Erfassung der individuellen Daten des jeweiligen Pflegenden (anonymisiert und nur soweit für die Auswertung benötigt) eine Grundlage für die dringend nötigen Vergleiche innerhalb der Berufsgruppe geschaffen. Denn Pflege ist nicht gleich Pflege – ein Fakt, der in der öffentlichen Diskussion ebenso wie in den bislang publizierten Arbeiten zum Thema oft wenig beachtet wird. Pflege im Akutkrankenhaus, in einem palliativen Setting, in der Altenpflege oder ambulant ist aus unserer Sicht auch inhaltlich so unterschiedlich, dass die Bedarfe und Belastungen als deutlich unterschiedlich erwartet werden können und von daher diese Aspekte in einer praktischen wie wissenschaftlichen Bearbeitung erfasst und berücksichtigt werden müssen.

Anonymisierte Datenerhebung per Smartphone-App

Die Befragung erfolgte mittels einer Smartphone-App (für iOS und An-droid verfügbar) und eines Onlinefragebogens. Auch eine klassische „Paper-Pencil“-Version liegt bereits vor.

In der inhaltlichen Gestaltung sind zu den vier Bereichen Arbeitsaufgaben, Arbeitsorganisation, Rahmenbedingungen und soziale Aspekte jeweils neun Fragen entwickelt worden. Jede Frage ist eindeutig mit Ja oder Nein zu beantworten. Unabhängig von der Antwort ist die individuelle Belastung durch den in der Frage aufgeworfenen Aspekt auf einer visuellen Analogskala von 0 bis 10 zu bewerten. Diese Kombination aus zwei Antwortstilen erlaubt es, die psychische Belastung des Einzelnen unabhängig davon auszuwerten, ob der jeweilige Aspekt als vorliegend oder abwesend beantwortet wird. Damit ist das Befragungsinstrument trotz der relativ geringen Anzahl an Items in der Lage, umfangreich und detailliert die Belastungssituation der Befragten zu erfassen und eine Einzelanalyse wie diverse Gruppenvergleiche zu ­berechnen.

In einer ersten Auswertung zeigen sich in einzelnen Aspekten und generell eine deutliche Erfahrung von psychischer Belastung, aber auch (Abbildung) deutliche Unterschiede in den verschiedenen Settings der Pflegewelt – Krankenhaus, Pallia­tivpflege, Altenpflege und ambulante Pflege.

Spannend sind auch und gerade die Antworten, die geringe Belastung zeigen, denn hier finden sich Ressourcen, deren Erforschung noch ganz am Anfang steht. Sowohl die hohen Belastungen als auch die Ressourcen sind im Unterschied der verschiedenen Settings aus unserer Sicht wichtig, weil sich daraus erstens weitere Forschungsansätze, u.a. mit dem Ansatz der Resilienzsteigerung, und zweitens alltagspraktische Ansätze in Verhaltens- und Verhältnisprävention entwickeln lassen, die weniger im Blinden stochern als vielmehr das Positive von anderen Settings zu übertragen versuchen. Gerade solche integrativen Ansätze dürften für die Zukunft die psychische Belastung und damit die Perspektive insgesamt im Berufsleben der Pflegenden steigern.

Ein Literaturverzeichnis kann beim Verfasser angefordert werden.

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