Politik -

Barbara Steffens: "Die stationäre Pflege bleibt eine wichtige Säule"

Nach den Plänen der rot-grünen Landesregierung sollen Pflegebedürftige in NRW künftig möglichst lange in ihrem vertrauten Wohnumfeld bleiben können. Wie das gelingen soll und was die Reform für die Zukunft der stationären Pflege bedeutet, erläutert NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens im HCM-Interview.

Themenseite: Alzheimer und Demenz
Barbara Steffens im HCM-Interview
NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens fordert, "auch Menschen mit Demenzerkrankung gehören in die Mitte unserer Gesellschaft". -

HCM: Frau Steffens, mit dem Entwurf für das neue kombinierte Alten- und Pflegegesetz sowie Wohn- und Teilhabegesetz (GEPA) wollen Sie in Nordrhein-Westfalen die Rahmenbedingungen für die Pflege grundlegend ändern. Warum?

Steffens: Die meisten Menschen möchten so lange wie möglich in ihrem vertrauten Wohnumfeld leben. Auch bei Pflege- oder anderem Unterstützungsbedarf. Mit den derzeitigen Pflege- und Wohngesetzen werden wir das nicht erreichen können. Deshalb müssen wir gesetzliche Rahmenbedingungen schaffen, die die notwendige Weiterentwicklung und Veränderungen ermöglichen. Damit auch die geburtenstarken Jahrgänge im Alter so leben können, wie sie es sich wünschen.

HCM: Was haben Sie konkret vor?

Steffens: Zu den Kernpunkten der Reform gehören die Unterstützung von Wohn- und Pflegeangeboten, die einen möglichst langen Verbleib im vertrauten Quartier sichern, die Erleichterung von alternativen Wohnformen wie z.B. Alten-WGs, eine Entlastung und Unterstützung pflegender Angehöriger sowie eine Stärkung von Beratung und Prävention in den Kommunen. Die Qualitätsentwicklung bestehender stationärer Heime soll unterstützt und der Modernisierungsstau in diesen Einrichtungen beschleunigt abgebaut werden. Wir wollen die kommunale Planungsverantwortung stärken, denn Pflege muss da organisiert werden, wo man die örtliche Situation am besten kennt – in den Kommunen.

HCM: Wie soll die Pflege im Quartier künftig genau aussehen?

Steffens: Unterstützungsbedarfe älterer Menschen darf man nicht auf die originäre Pflege verkürzen. Ältere Menschen wollen auch soziale Kontakte pflegen, am öffentlichen Leben teilhaben und gehört werden. Zur Selbstbestimmung und einem menschenwürdigen Leben im Alter gehört mehr, als nur versorgt zu sein. Es muss beispielsweise möglich sein, Einkäufe selbst zu organisieren und Geschäfte erreichen zu können. Mobilität ist wichtig. Menschen mit eingeschränkter Bewegungsfähigkeit, z.B. mit Rollator, müssen sich barrierefrei bewegen können. Für die Pflege haben wir ambulante Dienste, unser Augenmerk muss auf die vielen Dinge gerichtet sein, die ein selbstständiges Leben im Alter ermöglichen.

HCM: Nordrhein-Westfalen hat mit dem Sauerland und dem Münsterland auch dünn besiedelte Gebiete. Ist auch dort die Pflege im Quartier realistisch?

Steffens: Unser Landesbüro altengerechte Quartiere.NRW trägt gute Beispiele auch für altengerechte Quartiersstrukturen im ländlichen Raum zusammen. Wir müssen dort andere Wege gehen als in Ballungsräumen und verstärkt auf Bringdienste, aufsuchende Angebote, Pflegewohngruppen oder besondere Wohnmodelle setzen. Vielfach sind der Zusammenhalt und die nachbarschaftliche Unterstützung im ländlichen Raum aber größer als in der Stadt, auch darin stecken Chancen. Grundsätzlich gilt beim Quartierskonzept: Wir brauchen jeweils individuelle Lösungen auf Basis der spezifischen Situation vor Ort.

HCM: Die Zahl der an Demenz Erkrankten steigt. Kommt für sie auch der Verbleib im gewohnten Umfeld in Frage?

Steffens: Selbstverständlich. Dafür gibt es sowohl in der häuslichen Umgebung wie auch in Wohngemeinschaften schon gute Beispiele in NRW. Auch Menschen mit einer Demenzerkrankung gehören in die Mitte unserer Gesellschaft. Wir dürfen sie nicht ausgrenzen. Auch sie haben den Anspruch, in ihrer gewohnten Umgebung bleiben zu können. Für uns muss ein gemeinsames Leben und der Umgang mit den besonderen Bedarfen und Verhaltensweisen genauso selbstverständlich werden, wie es der Umgang mit den Herausforderungen durch das spontane Verhalten von Kindern oder das nicht immer "normgerechte" Verhalten von Grenzen austestender Jugendlicher heute ist.

HCM: Mit dem GEPA wollen Sie künftig vermehrt auf ambulante anstatt stationärer Pflege setzen. Wie soll dieser Wechsel funktionieren?

Steffens: Es geht nicht um Wechsel. Wir wollen bestehende Strukturen modernisieren und dauerhaft erhalten. Aber wir müssen sie ergänzen. Durch deutliche Stärkung ambulanter Unterstützungsangebote, passgenaue Hilfen und mehr Prävention, um den Eintritt in die Pflegebedürftigkeit möglichst zu verhindern oder wenigstens hinauszuzögern. Stationäre Pflegeeinrichtungen können sich im Übrigen auch an der Umsetzung des Prinzips "ambulant vor stationär" beteiligen, indem sie sich mit ihren Angeboten ins Quartier öffnen.

HCM: Die freien Wohlfahrtsverbände sehen durch den Ausbau der ambulanten Pflege die Versorgungssicherheit in NRW gefährdet. Sind diese Befürchtungen begründet?

Steffens: Stationäre Pflege bleibt eine wichtige Säule unserer Versorgungsstruktur in NRW. Einige Verbände kämpfen um jeden Cent, aber die Horrorszenarien, die sie dazu an die Wand werfen, entsprechen nicht der Realität. Mit der erforderlichen Neuregelung der Finanzierung von stationären Pflegeeinrichtungen sollen Modernisierungen beschleunigt, Rechtssicherheit für die Träger geschaffen und Pflegebedürftige vor zu hohen Kosten geschützt werden. Deutlich schneller als bisher sollen Träger von Einrichtungen die Kosten für Um-, Ausbau-, Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen refinanzieren können. Zudem erhalten die Pflegeeinrichtungen einen Anspruch darauf, dass ihnen die Kosten für gesetzlich vorgeschriebene Modernisierungen anerkannt werden

HCM: Mit Hilfe von Prävention wollen Sie in NRW künftig die Pflegebedürftigkeit möglichst lange hinauszögern. Wie soll das gelingen?

Steffens: Wir wünschen uns doch alle, dass eine Verlängerung der Lebenszeit eine Verlängerung von Lebensqualität bedeutet. Wenn es uns gelingen würde, den durchschnittlichen Beginn der Pflegebedürftigkeit nur um einen Monat hinauszuzögern, würden wir damit auch viel Geld der Pflegekassen sparen: Allein in NRW rund 50 Millionen Euro pro Jahr! Geld, das gut in Prävention investiert wäre. Unser Weg? Alten- und Pflegepolitik gemeinsam zu denken. Das bedeutet, dass wir die Lebensabschnitte im Vorfeld der Pflege mitbetrachten. Es gibt keine bessere Prävention als eine aktive Lebensgestaltung. Hier müssen wir mehr Anreize schaffen. Wir müssen auch den Wert der Lebenserfahrung älterer Menschen wieder stärker anerkennen und nutzen, sie damit wieder mehr wertschätzen. Sport spielt ebenfalls eine wichtige Rolle, da nehme ich bei Sportvereinen eine deutliche Hinwendung zu älteren Menschen als neuer Zielgruppe wahr. Dabei werden dann – da bin ich mir sicher – noch viele Grenzen in unseren Köpfen fallen: Der Sportverein wird ins Heim gehen und die "Muckibude", die zukunftsorientierte Pflegeheime schon heute oft für ihre Bewohnerinnen und Bewohner eingerichtet haben, wird auch fürs Quartier geöffnet werden. Auch sozialer Zusammenhalt, der im Quartier schon durch einfache Angebote gefördert werden kann, wirkt gegen Vereinsamung und trägt zur Gesunderhaltung bei.

Portrait
Geboren 1962 in Düsseldorf, studierte Barbara Steffens nach dem Abitur Kunstgeschichte, Politik, Afrikanistik und Romanistik an den Universitäten Trier und Köln. Von 1985 bis 1987 absolvierte sie eine Ausbildung zur biologisch-technischen Assistentin.
Seit 1987 ist Steffens Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. Seither hatte sie in ihrer Partei verschiedene Funktionen auf Landes- und Bundesebene inne, u.a. war sie politische Geschäftsführerin (1992-1994) und Sprecherin des Landesvorstandes (1994-2000) der Grünen in NRW.
Von 2000 bis 2013 war Steffens Abgeordnete des Landtags Nordrhein-Westfalen.
Nach dem Regierungswechsel im Jahr 2010 wurde Steffens zur Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter ernannt.
Kontakt: info@mgepa.nrw.de

© hcm-magazin.de 2019 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar angeben zu können.
Login

* Pflichtfelder bitte ausfüllen