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Elektronische Patientenakte Aus Inseln muss jetzt Festland werden

Die Entwicklung der elektronischen Patientenakte in Deutschland ist in Bewegung. Vivy und TK-Safe machen es z.B. vor. Doch bislang ist die digitale Patientenakte ein Privileg für ein paar digital versierte, neugierige Versicherte von Krankenversicherungen, die zu den digitalen Vorreitern in Deutschland gehören.

Es ist ein guter Start in eine hoffentlich schnelle Entwicklung: Die elektronische Patientenakte (ePa) ist derzeit in ihrer Urform für erste Versicherte in Deutschland verfügbar. Am 17. September 2018 ist Vivy mit einer App fürs Smartphone gestartet, über die z.B. Befunde, Laborwerte und Röntgenbilder gespeichert und mit dem behandelnden Arzt geteilt werden können. Dahinter stehen die Versicherungen

  • Allianz (Private Krankenversicherung),
  • Gothaer (Private Krankenversicherung, ab Februar 2019),
  • Barmenia (Private Krankenversicherung),
  • DAK Gesundheit,
  • IKK classic,
  • IKK Nord,
  • IKK Südwesst,
  • pronova BKK,
  • mhplus,
  • BKK Gildemister Seidensticker,
  • Heimat Krankenkasse,
  • BKK Stadt Augsburg,
  • BKK Melitta Plus,
  • Bertelsmann BKK,
  • BKK Diakonie,
  • BKK Dürkopp Adler und
  • BKK HMR (weitere Informationen dazu finden Sie auf der Website von Vivy)
 

Nach zehn Tagen war auf der Facebook-Seite von Vivy bereits die Rede von „zehntausende Registrierungen“.

Vivy inside

Im April dieses Jahres stellte die Techniker Krankenkasse die Beta-Version von TK-Safe, ihre Variante der ePa, die bereits mit einigen Häusern der Agaplesion gAG verbunden ist, vor (weitere Infos finden Sie auf der Website der TK).

TK-Safe

Neben diesen beiden Antworten auf die Frage nach der ePa gibt es noch einige weitere. Zum Beispiel das digitale Gesundheitsnetzwerk der AOK mit zwei Piloten in Mecklenburg-Vorpommern zum Datenaustausch zwischen Patienten, niedergelassenen Ärzten und Kliniken oder die neue IT-Plattform der Universitätsmedzin Rostock.

AOK Gesundheitsakte

Gemeinsam mit Siemens Healthcare, erfahren im Aufbau von ELGA in Österreich, soll dort ein System geschaffen werden, dass die Einrichtung als Anbieter einer lebensbegleitenden ePa für die Region Mecklenburg-Vorpommern etablieren soll. Hier geht es darum, die knapp 100 Subsysteme des Klinikums zu verbinden und diese neue interne Vernetzung weiter nach außen zu tragen. Am Ende soll eine „regionale Gesundheits-Cloud“ entstehen, an die ambulante Versorger, niedergelassene Ärzte und MVZs eingebunden werden. Im Spätherbst 2018 ist nach aktuellem Stand geplant, das SAP-basierte KIS voll in die E-Health-Plattform zu integrieren, dann sollen weitere Vernetzungen folgen. Hintergründe zum Rostocker Projekt können Sie im Interview mit Harald Jeguschke, kaufmännischer Vorstand der Einrichtung, und Dr. Stefan Schaller, Siemens Healthineers, nachlesen. Wie Harald Jeguschke, kaufmännischer Vorstand der Uniklinik Rostock, darin erklärt, spielt bei der weiteren Entwicklung v.a. die Politik eine große Rolle. Auf diese scheint das deutsche Gesundheitswesen aktuell auch in Sachen ePA mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zählen zu können.

Es wird auch politisch Ernst

Versicherer und Gesundheitsdienstleister scheinen mit der Vorgabe aus dem beschlossenen Entwurf des Terminservice- und Versorgungsgesetzes Ernst zu machen. Dieser sieht Folgendes vor:

Die Krankenkassen sind verpflichtet, ihren Versicherten spätestens ab dem 1. Januar 2021 eine von der Gesellschaft für Telematik nach § 291b Absatz 1a Satz 1 zugelassene elektronische Patientenakte zur Verfügung zu stellen. Die Krankenkassen haben ihre Versicherten spätestens bei der Zurverfügungstellung der elektronischen Patientenakte in allgemein verständlicher Form über deren Funktionsweise, einschließlich der Art der in ihr zu verarbeitenden Daten und über die Zugriffsrechte, zu informieren. Die Krankenkassen können ihren Versicherten in der zugelassenen elektronischen Patientenakte zusätzliche Inhalte oder Anwendungen zu den Inhalten und Anwendungen, die von der Gesellschaft für Telematik für eine elektronische Patientenakte festgelegt werden, zur Verfügung stellen, sofern diese zusätzlichen Inhalte und Anwendungen die nach § 291b Absatz 1a Satz 1 zugelassene elektronische Patientenakte nicht beeinträchtigen.“ (Weitere Informationen dazu finden Sie auf der Website des Bundesgesundheitsministeriums.)

Ob der Plan gelingt, die ePa flächendeckend einzuführen und kassenübergreifend nutzbar zu machen, wird sich zeigen. Jedenfalls scheint die Begeisterung für die Datenapps bei den Patienten groß zu sein. Bereits wenige Tage nach dem Start hieß es auf der Website von Vivy: „Vivy ist seit wenigen Tagen da und die Reaktionen und Downloads waren überwältigend. (…) Tausende User haben sich bei Vivy registriert, deren Krankenkasse Vivy (noch) nicht unterstützt.“ Und auch die TK freut sich über rege Registrierungen zur Beta-Version von TK-Safe. Die Funktion, die in die reguläre App des Versicherers integriert ist, nutzen nach Aussage von Dr. Susanne Ozegowski, Teamleitung Versorgungsmanagement bei der TK (im Interview mit HCM, siehe Download-Bereich unten), rund 40.000 Versicherte. Das hat die Versicherung veranlasst, die Kapazitäten für weitere Tester auf 100.000 zu erhöhen.

Es wird nicht von heute auf morgen gehen

Dennoch: Die Bereitstellung und der tatsächliche Einsatz solcher Tools dürften aus Patientensicht trotzdem viel zu langsam gehen. Hört man sich in digital affinen Patientengruppen um, wird deutlich, dass sämtliche Vorteile der ePA förmlich herbei gesehnt werden. Doch die ePa ist noch Neuland, die vorhandenen Tools nach wie vor, die so oft kritisierten Insellösungen, die bereits die Frage nach Vernetzung und offenen Schnittstellen untereinander aufkommen lassen. „Es wird nicht von heute auf morgen gehen, dass alle Krankenkassen mitmachen. Daher bitten wir euch um Geduld“, heißt es bei Vivy in diesem Zusammenhang.

Es fehlt noch was

Der Einblick in die Patientenakte ermöglicht dem Patienten zwar eine noch nie da gewesene Transparenz in Diagnosen und Abrechnungen, doch der konkrete medizinische Nutzen ist zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht ausreichend vorhanden. Um das zu gewährleisten, ist die Einbindung in die Informationssysteme sämtlicher Einrichtungen sowie auch derer der niedergelassenen Versorger notwendig; ähnlich wie es die Agaplesion gAG in 16 ihrer Einrichtungen und der Integration von TK-Safe getan hat. Vivy geht diesen Schritt nach draußen ebenso und will sich durch die Kooperation mit medatixx, die Praxissoftware von niedergelassenen Ärzten, mit der Gesundheitsakte verbinden. Noch weiter denkt man aktuell bereits bei Agaplesion, wie HCM im Interview mit Jörg Marx, Vorstand, und Oliver Fabry, IT-Leiter bei Agaplesion, erfahren hat. Dort hat man bereits im Hinterkopf, Schnittstellen zu Pflegeeinrichtungen zu schaffen.

Auch die Frage nach dem Einsatz von künstlicher Intelligenz steht in diesem Zusammenhang bereits im Raum. Nicht zum Erinnern an Arztbesuche und Impfungen, sondern zum Interpretieren und Überwachen erfasster Gesundheitsdaten, die z.B. über Gesundheitsapps wie Google Fit (TK-Safe) oder von Wearables in die ePa fließen. Beruhigend zu wissen, dass die ePa-Vorreiter solche Aspekte bereits bedacht haben, an bzw. sofern möglich bereits mit einheitlichen Standards arbeiten und sich für eine Vernetzung untereinander vorbereiten. So ist z.B. die TK im Austausch mit Bitmark, der IT-Gesellschaft von Vivy. DKV, Generalie und Signal Iduna sollen mit der IBM-Akte der TK liebäugeln. Generell vernimmt man zumindest offiziell – auch bei vielen kleineren E-Akte-Projekten wie MACSS der Charité (siehe HCM-Ausgabe 11/2018) – wenig Konkurrenzdenken, sondern vielmehr Offenheit und Ehrgeiz für eine gemeinsame digitale Gesundheitsversorgung.

Man darf also optimistisch sein und davon ausgehen, dass die vielversprechenden Inseln in absehbarer Zeit Festland werden.

Noch mehr Infos im Podcast zum Thema Patientenakte

Unter www.ehealth-podcast-de können Sie sich in drei Teilen aktuelle Podcasts rund um Aktuelles zur Entwicklung der ePa anhören. Unter anderem spricht darin Christian Rebernik, CEO bei Vivy über den „neuen Stern am Aktenhimmel“ (Folge #61). In Folge #58 kommt dagegen Markus Bönig, Geschäftsführer von vitabook, zu Wort. Er beleuchtet u.a. das Thema aus seiner Sicht als Hersteller einer patientengeführten Gesundheitsakte und kritisiert die „zu enge Kopplung von Akte und Krankenkasse“.

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