Digitalisierung -

Mehrwert elektronische Patientenakte Angstfrei in die Zukunft

Während sich in anderen Branchen die Ereignisse überschlagen und sich entlang neuer Technologien in vielen Lebensbereichen ein anhaltender Strukturwandel vollzieht, ist die Digitalisierung im Gesundheitssystem, so scheint es, kaum angekommen. Das zeigt das Beispiel der elektronischen Patientenakte. Die Branche tut sich offentsichtlich schwer mit dem Aufbruch in die Zukunft.

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Die Branche spricht immer noch von „Akten“ – obwohl die Datensätze kaum noch etwas mit der bisherigen Papiermappe zu tun haben bzw. zu tun haben sollten. Das ist schade, könnten doch die Möglichkeiten neuer Technologien wie Blockchain für alle Beteiligten des Gesundheitswesens, allen voran für die Patienten, für echte Euphorie sorgen. Die aktuell im Raum stehenden Vorschläge der Krankenkassen setzen allerdings weiterhin weitgehend auf eine zentrale Speicherung der Daten – zulasten von Sicherheit, Einsatzmöglichkeiten und Praktikabilität.

Viele Anforderungen unter einem Dach

Der Zeitpunkt ist für Akteure und politisch Verantwortliche der Branche gekommen, um alte Zöpfe abzuschneiden und ergebnisoffen über die in den vergangenen Jahren entwickelten Technologien und deren Einsatzmöglichkeiten zu sprechen. Und zwar genau jetzt – bevor die falschen technologischen Weichen gestellt und zementiert werden. Als vor 14 Jahren die Entscheidung für die jetzt anrollende elektronische Patientenakte getroffen wurde, war sogar das iPhone noch Zukunftsmusik. Entsprechend werden die aktuell auf dem Tisch liegenden Lösungen der Sensibilität persönlicher Daten in keinster Weise gerecht, genauso wenig wie den berechtigten Ansprüchen der Patienten an Usability und Datenhoheit. Aus technologischer wie gesellschaftlicher Sicht sollte es heute in jedem Fall undenkbar sein, dass hochsensible Daten zentral gespeichert werden. Da könnte man auch direkt ein Schild aufstellen: „Datenräuber, hier entlang bitte!“

Die Herausforderung bei der Digitalisierung von Patientendaten liegt v.a. darin, Sicherheit, dezentrale Speicherung, Zugriffsmöglichkeiten und damit echten Mehrwert für die Patienten, Ärzte, Kassen unter einen Hut zu bringen. Längst gibt es technologische Lösungen, die eine dezentrale Speicherung, höchstmögliche Sicherheit und logisches Zugriffsmanagement ermöglichen. Das muss nicht zwingend eine Blockchain sein, aber auf Basis dieser Technologie könnte in jedem Fall eine sinnvolle Diskussion starten.

Kleinere Datenmenge, dezentral und die Möglichkeit der Rollenzuweisung

Die verbreiteten öffentlichen Blockchain-Vertreter wie Bitcoin oder Ethereum werden von einer unbegrenzten Anzahl an Teilnehmern gemeinschaftlich genutzt. Das hat der Blockchain den Ruf eingebracht, Datenmengen ohne Maß zu produzieren. Neben den bekannten öffentlichen Blockchains gibt es jedoch auch die „privaten” Blockchains, die abseits des Lichtes der Öffentlichkeit geschützte Systeme für eine begrenzte Anzahl an Akteuren ermöglichen. Solche Privaten kann man sich wie folgt vorstellen: Einige, als bedingungslos vertrauenswürdig eingestufte, zentrale Akteure wie das Bundesministerium für Gesundheit, Krankenkassen, Ärzte- und Klinikverbände etablieren ein Netzwerk aus initialen Knoten. Jede Transaktion wird von allen Teilnehmern gesehen und dokumentiert. Inhalte und Daten werden dezentral und verteilt abgelegt.

Die zertifizierten Akteure können anschließend ihre Vertrauensbasis an weitere Akteure wie Ärzte oder Patienten delegieren. Die Knoten halten Informationen dezentral und verteilt vor, sodass der Ausfall eines Knotens nicht zum Verlust führt, gleichzeitig aber auch ein erfolgreicher Angriff auf einen singulären Knoten nicht zum Sicherheitsleck werden kann. Die eigentlichen Daten werden in einer von den Transaktionen im Hauptnetzwerk unabhängigen dezentralen Struktur gespeichert.

Blockchain: Zuhause mit Concierge

Diese Art der Speichertechnik kann man sich vorstellen wie ein Hochhaus, in dem der Concierge Rollen und Rechte der einzelnen Besucher des Hochhauses verifiziert. Ein abzuspeicherndes Röntgenbild etwa würde von einem solchen Concierge in viele kleine Schnipsel zerteilt und in verschiedenen Räumen im Hochhaus verteilt. Nur wer weiß, in welchen Räumen die Schnipsel liegen und gleichzeitig Zugriff auf die entsprechenden Stockwerke oder Räume hat, kann die Informationen einsehen. So wäre sichergestellt, dass bestimmte Ärzte und die Patienten selbst auf mehr Unterlagen und Befunde Zugriff haben, als etwa eine Kasse, bei der man gerade beantragt hat, als Mitglied aufgenommen zu werden.

Mehrwert für Patienten sowie Einsparpotenzial für Ärzte und Kassen

Neben den Mehrwerten, die für Patienten bei einer solchen Konstruktion entstünden, könnten Ärzte und Kassen ihre Zusammenarbeit optimieren. Ist etwa eine ärztliche Leistung erbracht und wird in der privaten Blockchain als erledigt markiert, kann diese automatisiert über die Kasse abgerechnet werden.

Benutzeroberflächen bleiben gleich oder werden besser

Um neue Technologien nutzen zu können, müssen Patienten heute keine Technologiecracks mehr sein. Blockchains sind lediglich das Rückgrat der Hintergrundprozesse, die ablaufen, ohne dass der Nutzer ihnen Aufmerksamkeit schenken muss. Eine benutzerfreundliche Oberfläche kann genauso eine App sein wie ein Zugang via Webbrowser, während die Funktionen vollständig als inhaltliche Entscheidungen abgebildet sein können. Der Nutzer könnte also z.B. eine Anfrage erhalten, ob Allgemeinarzt Dr. Standard auf seine Patientendaten des laufenden Jahres plus vorliegende Impfdaten zugreifen darf – und ob die Freigabe nur für einen Tag oder bis auf Widerruf gilt.

Es wird Zeit, das Thema Gesundheit neu zu denken und sich auch nicht davor zu scheuen, bereits getroffene Entscheidungen für oder gegen bestimmte Technologien und Ansätze als Teil des zu gehenden Weges zu betrachten. Technologien werden inzwischen aber mit einer Geschwindigkeit entwickelt, die genauso Ängste schürt wie sie Hoffnung macht. Aus Ängsten entsteht aber in der Regel keine Innovation, geschweige denn die aktuell bestmögliche Lösung, nach der wir jedoch immer streben sollten.

Mehr Informationen finden Sie online bei Turbine Kreuzberg.

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