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Lesetipp Am Ende zählt nur ein erfülltes Leben

Mit der Reality-Streit-Show „Zwei bei Kallwass“ begeisterte sie zwölf Jahre im Fernsehen. Zum unbequemen Thema Tod verbindet die bekannte Psychologin Angelika Kallwass nun profunde Erkenntnisse mit persönlichen Erfahrungen. Was, wenn der Vater plötzlich tot ist, man ihm einen Tag vorher noch den eigenen Hass entgegen geworfen hat? Und wie begleitet man etwa die Mutter beim Sterben? Viel wichtiger daher: „Was am Ende zählt“, so der Buchtitel, ist das, was man (gemeinsam) vorher gelebt hat.

Am Ende zählt nur ein erfülltes Leben

Wenn Fachleute im Fernsehen eine Ratgebersendung präsentieren, entsteht leicht der Eindruck, sie hätten die Weisheit schon wegen ihres Berufs gepachtet. Mit erhobenem Zeigefinger hat Angelika Kallwass zwar nie moderiert, sondern war stets vermittelnd auf die Einsicht von Streithähnen bedacht, die bei ihr im SAT.1-Studio nach friedlichen Lösungen suchten. Dennoch ließ sie keinen Zweifel an ihrer Profession. Bildschirmreif eben.

Umso überraschender, was die kluge, besonnene Dipl.-Psychologin nun aus ihrem Privatleben offenbart. Heute, mit 67, blickt sie ehrlich auf Fehler zurück. Etwa darauf, wie sie plötzlich mit dem Tod ihres Vaters zurechtkommen musste, dem sie noch am Vortag ihren Hass auf ihn offenbart hatte. Nur eines von vielen Erlebnissen, die sie über Jahre immer wieder zum Thema Sterben hatte. Aber: Was macht man daraus?

Der Leser findet sich schnell wieder

Wer sich für diese Frage interessiert und Kallwass’ Buch in die Hand nimmt, wird sich schnell finden: vom allerersten Verlust des Meerschweinchens in der Kindheit über den Tod der Großeltern bis hin zu Schicksalen, die irgendwann Gleichaltrige, vielleicht durch Krankheiten oder Unfälle, ereilen. Bis schließlich die Eltern altern oder unerwartet früh aus dem Leben gerissen werden.

Indem die Autorin sich an all diese Beispiele erinnert, läuft auch im Kopf des Lesers ein privater Film ab: Wie habe ich mein Haustier beerdigt und mich dabei gefühlt? Warum vermisse ich einen Freund bis heute? Was konnte ich meiner Oma nicht mehr sagen? Und warum stocke ich immer noch, obwohl ich „offene Rechnungen“ längst erledigen könnte?

Warum wir uns mit schwierigen Anlässen so schwer tun

Die Biografie der inzwischen niedergelassenen Psychoanalytikerin und -therapeutin steht dabei exemplarisch für viele Familien, die während des Zweiten Weltkriegs Verwandte in KZs oder auf der Flucht verloren, deren Alltag sich später durch umso mehr Wandlungen und ungewöhnliche Beziehungen auszeichnete. Hier ist es u.a. die Tatsache, dass die verwitwete Mutter plötzlich mit einer Frau zusammenzieht.

Doch die Tochter fragt nicht nach dem Warum. Ein Widerspruch, wo sie doch feststellt, dass diese Generation über Verluste kaum sprach bzw. spricht. Etwas hilflos beschreibt sie, warum sie in dieser Situation eine neue Intimität nicht stören will – und selbst sprachlos ist. Diese Ehrlichkeit ist eine von vielen, die das Buch so sympathisch machen. Die auch genau zeigt, warum wir uns mit schwierigen Anlässen so schwer tun.

Sprachlosigkeit mit Nachfragen überwinden

Grundsätzlich hat Kallwass den Spieß in ihrem Leben, auch mit ihrer Arbeit aber umgedreht und kommt zu dem Schluss, dass sie ihre Angst vor dem Sterben nur durch Nachfragen und Reflexion überwinden konnte. Sehr schön wird das v.a. an den Stellen deutlich, an denen sie – wiederum im Zusammenhang mit geliebten Menschen – laut über Sterbehilfe nachdenkt und entsprechend beherzt reagierte. So, wie sie über Jahre zweifelsohne gewachsen ist, hat der Leser die Chance, ihr zu folgen.

„Mein Umgang mit dem Tod. Für ein erfülltes Leben“ lautet der Untertitel. Sicher, es geht primär um den Umgang durch die Autorin, erneut ohne Zeigefinger, aber zwischen den Zeilen prall gefüllt mit Optionen, wie sich das Thema individuell gestalten ließe. So ist man auch ohne echten Ratgebercharakter nach 237 Seiten auf jeden Fall um manch eine Erkenntnis reicher.

Buchtipp
Kallwass A. (2015) Was am Ende zählt. Köln: Bastei Lübbe.
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