Digitalisierung -

Digitaler werden Abläufe mit KI optimieren

Der Einsatz von KI im Gesundheitswesen verlangt klare Regeln. Überall, wo es um Menschenleben geht, müssen Menschen maßgebliche Instanz bleiben, findet Ingo Nadler, CTO bei DARVIS for Healthcare. Prozesse und Abläufe lassen sich dagegen schnell, problemlos und effizient durch KI unterstützen und sind damit in viele Richtungen erweiterbare Ansatzpunkte, um neueste Technologien sinnvoll für das Gesundheitswesen zu nutzen.

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Zum Thema KI kursieren vermutlich ebenso viele Vorstellungen, wie es Menschen gibt. Wie würden Sie KI ganz kurz beschreiben?

Nadler: KI wird häufig überbewertet. Viele fürchten den Verlust unserer Autonomie an denkende Maschinen. Filme wie Matrix oder Terminator haben dieses Bild gefestigt. Aber eigentlich ist KI nichts anderes als eine lernende Mustererkennung und eine Menge Mathematik. Natürlich birgt jede neue Technologie auch Risiken. Wenn bekannte Personen prophezeien “Computers will surpass us in 'every single way” (Computer werden in jeder Hinsicht an uns vorbeiziehen), dann ist das nicht ganz von der Hand zu weisen. KI spielt ihre Vorteile v.a. da aus, wo es darum geht, große Datenvolumen, komplexe Geschehen oder wiederkehrende Muster zu überblicken. Es ist an uns Menschen, diese Vorteile künstlicher Intelligenz auszuschöpfen, ohne dabei das Heft aus der Hand zu geben. Gerade im Gesundheitswesen erfordert das zweifellos ein hohes Maß an digitaler Mündigkeit.

Wo sehen Sie die Haupteinsatzgebiete von KI in der Wirtschaft allgemein und wo speziell im Gesundheitswesen?

Nadler: In der Wirtschaft wird KI ja längst in der Erkennung von Konsummustern und darauffolgenden Empfehlungen passender Produkte eingesetzt. Viele haben außerdem sicher schon mit virtuellen KI-Mitarbeitern gechattet, ohne es zu merken. In der Erkennung natürlicher Sprache oder gar von Absichten hinkt KI dem menschlichen Gegenüber noch hinterher. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis KIs in Callcentern sitzen und den Kontakt zum Kunden übernehmen. Google z.B. hat dieses Jahr eine KI vorgestellt, die selbstständig in einem Friseursalon angerufen und beinahe umgangssprachlich einen Termin vereinbart hat. Im Gesundheitswesen profitiert besonders die Diagnostik von KI, etwa in der Analyse von bildgebenden oder Laboruntersuchungen sowie bei der Steuerung hochpräziser chirurgischer Roboter. Auch bei der vorbeugenden Instandhaltung der umfassenden Gebäude- und Medizintechnik im Krankenhaus kann KI wertvolle Dienste leisten, indem sie einen optimalen Anlagenbetrieb gewährleistet oder Parameter erkennt, die höchstwahrscheinlich zu Ausfällen oder Problemen führen werden. Darüber hinaus geht es in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen jedoch v.a. auch um die Optimierung, Kontrolle und Automatisierung von Prozessen und Abläufen. Dieser Aufgabe hat sich DARVIS for Healthcare verschrieben. Unsere KI fungiert quasi als helfender Geist, der dem Personal im Hintergrund hilft, Vorgänge zu überblicken und zu optimieren. Zweifellos liegt hier im Gesundheitswesen eine der größten Optimierungsreserven. Dazu kommt: Stress erzeugen im Gesundheitswesen v.a. die Komplexität und Bedeutungsschwere der Aufgaben.

Welche Berufe sehen Sie durch KI in Gefahr, welche sind unersetzlich und welche werden vielleicht sogar neu geschaffen?

Nadler: Entgegen häufigen Vermutungen bedroht die KI nicht etwa einfache Berufe, sondern eher Professionen, bei denen aus der Analyse komplexer Zusammenhänge Schlüsse gezogen werden, also etwa Ärzte, Broker, Piloten, Fluglotsen, Geographen etc. Gerade handwerkliche Berufe, die manuelles Geschick und Erfahrung benötigen, sind auf lange Sicht nicht in Gefahr. Im Gegenzug werden ‘Data Scientists’ benötigt, die die Struktur einer KI für die jeweilige Aufgabe entwerfen, und ‘Labeler’, Menschen, die der KI sozusagen die Welt ‘erklären’, z.B. wie ein Krankenhausbett aussieht etc.

Wie und in welchen Bereichen kann KI im Gesundheitswesen möglichst schnell nutzbringend eingesetzt werden?

Nadler: Wie angesprochen sehen unsere Partner den schnellsten und effektivsten Einsatz von KI im Gesundheitswesen augenblicklich in der Optimierung und Strukturierung von Prozessen wie z.B. der Bettenlogistik. Hier geht es darum, Chaos beim Transport von Betten zu vermeiden, Aufzüge nicht zu blockieren und Patienten schneller zu Untersuchungen und zurück zu bringen. Auch durch das Tracken von Geräten könnte KI schnell und ohne großen Aufwand den Einsatz wertvollen Inventars optimieren, es nebenbei vor Diebstahl schützen. Denkbar wäre darüber hinaus, mithilfe von KI sicherzustellen, dass medizinische Eingriffe oder Hygienemaßnahmen korrekt durchgeführt werden. Zum Bespiel könnte KI darauf hinweisen, wenn sich ein OP-Team anschickt, das falsche Bein zu operieren. Kurz: Bei allen Bewegungsprozessen kann KI schnell und sehr einfach als „guter Geist“ im Hintergrund wirken.

Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, damit die Digitalisierung des Gesundheitswesens schneller vorankommt. Welche Hausaufgaben müssen für einen verantwortungsvollen Einsatz von KI gemacht werden?

Nadler: Die grundlegende Basis für den Einsatz von KI ist natürlich die entsprechende technische Infrastruktur. In vielen Krankenhäuser müssten dazu zunächst wohl erst noch die erforderlichen Netzwerke für den Transport der entsprechenden Daten geschaffen werden – egal ob mit oder ohne Kabel. Im zweiten Schritt gilt es, der künstlichen Intelligenz die Wahrnehmung ihrer Umgebung zu vermöglichen, ihr gewissenmaßen Ohren, Augen und Nasen zur verleihen – mithilfe geeigneter Sensoren: Im Fall der Instandhaltung wäre das eine entsprechende Messtechnik. Möchte man Abläufe optimieren, dienen der KI einfache Kameras als Augen. Olfaktorisch wirksame Sensoren könnten darüber hinaus für die Erkennung von Rauch oder sonstigen schädlichen Gasen – quasi als Nase - genutzt werden. Um KI letztendlich handlungsfähig zu machen, braucht sie im dritten Schritt einen Mund – beispielsweise Tablets oder Handys, um mit ihren Nutzern zu kommunizieren oder auch Hände, um mittels Regelungstechnik entsprechende Steuerprozesse zu veranlassen, Rauchschutztüren zu schließen beispielsweise und andere automatisierte Prozesse einzuleiten.

Ist diese Infrastruktur erst mal geschaffen, lässt sie sich für die unterschiedlichsten Aufgaben nutzen. Dieselben Kameras, die Hygienemaßnahmen im OP auswerten, können auch für das Tracking von Geräten oder für die Unterstützung von Operationen an sich eingesetzt werden. Auch im Sicherheitsbereich ist der Einsatz von KI denkbar. Sie kann darauf hinweisen, dass sich nicht authorisierte Personen in sensiblen Bereichen (OP, Technikzentrale, Intensivstation …) befinden und den Zutritt für befugte Personen kontrollieren, selbst Rauch erkennen – eine Technologie für alles eben. Wichtig ist uns bei alledem: Beim Einsatz von KI geht es nie um Überwachung, sondern Hilfe. Zu keinem Zeitpunkt werden von uns personenbezogenen Daten aufgezeichnet oder gespeichert. DARVIS entspricht damit zu 100 Prozent der GDPR.

Wie stehen Sie zu den Ängsten, KI könnte sich verselbstständigen und aus dem Ruder laufen?

Nadler: Unsere KI sicher nicht. Diese verschickt lediglich Hinweise an Mitarbeiter, wie sie ihre Arbeit optimieren können. Problematisch wird es, wenn z.B. ‘intelligente’ Waffen selbstständig entscheiden dürfen, ob geschossen wird. Oder wenn KI an lebenserhaltenden Medizingeräten zum Einsatz käme und dabei sogar in Eigenregie Maßnahmen einleiten könnte. An diesen kritischen Stellen brauchen wir für den Einsatz von KI zweifellos klare Regeln und v.a. Grenzen. Meine Devise dazu lautet: Überall, wo es um Menschenleben geht, hat KI nichts zu suchen. Hier müssen fühlende und denkende Menschen die Brücke zwischen Mensch und Maschine schlagen und maßgebliche Instanz bleiben. Ähnlich wie beim autonomen Fahren wird dieses schwierige Thema die Legislative in den kommenden Jahren ausführliche beschäftigen. Wer haftet die für Fehler von KI und wo darf man ihr überhaupt das Feld überlassen? Moralische Grenzen sehe ich beim Einsatz von KI im Gesundheitswesen darüber hinaus, wo es darum geht, dem Patienten mit seinen Sorgen und Nöten menschlich zu begegnen – egal ob in der Pflege oder in der Aufnahme. Die erforderliche menschliche Zuwendung in diesen kritischen Bereichen kann KI nicht ersetzen - Ökonomie und Fachkräftemangel hin oder her. Krankenhäuser, die bewusst auf Menschen setzen und KI nur dort einsetzen, wo sie wirklich nutzt, könnten sich hier in Zukunft vermutlich sogar einen Marktvorteil verschaffen. KIs sind zum Glück auch nicht wirklich kreativ. Sie können zwar einen künstlerischen Stil nachahmen, wenn sie ihn oft genug gesehen haben, aber bis zur Weltherrschaft ist es noch ein langer Weg.

Besteht die Gefahr, dass KI das Verkehrte lernt und seine Nutzer damit in die Irre leitet?

Nadler: Jede Technologie birgt Gefahren. Wie beschrieben, lernen KIs aber selten selber, sondern werden von Menschen mit aufbereiteten Lerndaten versorgt. Da passieren natürlich auch menschliche Fehler. Wenn man z.B. einer KI das Erkennen von Kamelen beibringt und das nur mit Kamelen vor Sand trainiert, sind für die KI später alle großen Tiere vor Sand Kamele. Solche Dinge gilt es zu vermeiden. Je komplexer die Technik wird, umso schwieriger wird es auch, sie zu beherrschen. Das sollte uns allen klar sein.

Mit viel Wissen aus der Gaming-Szene

Das Data Analytics Real-world Visual Intelligence System, alias DARVIS, erzeugt eine neue Wahrnehmung von Arbeitsumgebungen und darin stattfindenden Aktivitäten. Durch Computer Vision verwandelt es die komplexe Realität, wenn man so möchte, in ein Echtzeitspiel. Die künstliche Intelligenz (KI) ordnet so Prozesse, findet Geräte, unterstützt und dokumentiert Arbeitsabläufe,Im Vinzenzkrankenhaus in Hannover „bespielt“ DARVIS seit einigen Wochen erfolgreich den Prozess der Bettenlogistik. Hinter dem gleichnamigen Unternehmen stehen drei deutsche Unternehmer, die mit viel Kompetenz und Wissen aus der Gaming-Szene antreten, ihr Können aus virtuellen Galaxien gekoppelt mit Künstlicher Intelligenz für den nicht minder spannenden Alltag zu nutzen. Mehr Informationen finden Sie online.

Kontakt zur Autorin
Maria Thalmayr, Karwendelstraße 6, 82299 Türkenfeld. E-Mail: maria@treffendetexte.eu

 

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