Pflege -

Pflege in der Corona-Pandemie "... und wie geht's Dir?"

Die Stiftung Kreuznacher Diakonie macht auf lokale und nationale Hilfesangebote für Pflegende und andere Mitarbeitende ihrer Gesundheitsdienste aufmerksam. Im Beitrag erklärt die Referentin Pflege der Einrichtungen, wie wichtig Unterstützungsmaßnahmen sind und gibt Anregungen.

Themenseite: Corona-Pandemie

Wie bedeutsam die Rolle der Pflege in der Bewältigung der Corona-Pandemie ist, ist in Gesellschaft und Politik weitestgehend angekommen. Ob dies Auswirkungen im Sinne einer nachhaltigen Anerkennung und Wertschätzung haben wird, die Gehalt und Rahmenbedingungen dauerhaft verbessern und dabei die Refinanzierung sicherstellen, bleibt abzuwarten.
Was die aktuellen Herausforderungen des Alltags speziell in Kliniken und Pflegeeinrichtungen angeht, sind Vielen das Ausmaß und v.a. die längerfristigen Folgen allerdings noch nicht umfänglich bewusst. Längst ist klar, dass ein Augen-zu-und-durch für den Dauer-Ausnahmezustand kein hilfreicher Lösungsansatz sein kann. Hotlines und Hilfsangebote (z.B. PSU, Psych4nurses) zur psychischen Entlastung und Unterstützung für pflegerisches und medizinisches Personal sind ein wertvolles Angebot, das aber bei Weitem noch nicht die Präsenz erlangt hat, die das Thema benötigt.

Allein mit belastenden Gedanken, Schlaflosigkeit und Ängsten

Auch wenn Verantwortungsträger vor Ort mit viel persönlichem Engagement ihre Mitarbeitenden in der Krise ermutigen, begleiten und wertschätzen, stellt die Sicherstellung einer adäquaten Patienten-/ Klientenversorgung doch eine hochkomplexe Aufgabe dar, deren Bewältigung die einfache Frage "… und wie geht’s Dir" oft in den Hintergrund treten lässt. Viele Mitarbeitende sind in der Anspannung multipler Anforderungen, die nicht nur das berufliche, sondern auch das private Umfeld betreffen so gefordert, dass ein Innehalten für eine ehrliche Antwort auf diese Frage geradezu gefährlich scheint, da es Verletzlichkeit und vermeintliche Schwächen aufdecken könnte, von denen man glaubt, dass man sie sich nicht leisten kann. Tough, stark und belastbar zu sein gehört doch zum Job dazu, oder? Und so bleiben Viele mit ihren belastenden Gedanken, Schlaflosigkeit, Ängsten oder Gereiztheit allein. Dabei sind solche Auswirkungen unter den gegebenen Umständen durchaus zu erwarten und sollten als Warnzeichen frühzeitig ernst genommen werden. Eine größere Offenheit im kollegialen Austausch, das Anerkennen der Besonderheit der aktuellen Situation und ein kreatives und pro-aktives Hilfeangebot, das strukturiert und vielfältig Impulse von Prävention bis Krisenintervention etabliert, sind notwendig um den Mitarbeitenden in den verschiedenen Versorgungssettings durch die Krise zu helfen.

Erschüttert der "Covid-19-Effekt" die Profession nachhaltig?

Und danach? Die berechtigte Hoffnung, dass die Pandemie eingedämmt werden kann und ihre dominierende Präsenz verliert darf nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die Langzeitfolgen noch lange unsere Aufmerksamkeit fordern werden. Internationale Studien (s. Weiterführende Literatur) geben jetzt schon Hinweise darauf, dass der "Covid-19-Effekt" (ICN 2021) eine nachhaltige Erschütterung für die Berufsgruppe der Pflegenden bedeutet, die die ohnehin prekäre Fachkraftsituation weiter verschlechtern könnte. Auch wenn im Hinblick auf unzureichende Versorgungsmöglichkeiten, Rahmenbedingungen und Todeszahlen Deutschland bisher nicht die gleichen dramatischen Ausmaße erleben musste, wie manch andere Länder, so werden doch auch hier Mitarbeitende in Kliniken und Pflegeeinrichtungen mit traumatischen Situationen und Ereignissen konfrontiert. Gepaart mit der anhaltenden Belastung werden diese viele in der Pflege tätige Menschen beim Gedanken an ihre berufliche Zukunft ernsthaft ins Fragen bringen. Das Gefühl durch den eigenen Beruf selbst möglicherweise existentiell bedroht zu sein, eine Gefahr für mein privates Umfeld darzustellen, die große Verantwortung korrekten hygienischen Verhaltens ganz konkret zu erleben oder die Erfahrung einer Situation der "Arbeits-Quarantäne" machen zu müssen – wer hat das bei seiner Entscheidung für den Beruf der Pflege schon im Blick gehabt? So mancher mag sich im Rückblick auf die Pandemie-Zeit fragen, ob Pflege vielleicht nur noch eine Berufung für Helden mit besonderer Leidensfähigkeit ist, und für sich selbst nach
Alternativen suchen.

Daher braucht es heute mehr denn je zuvor Ansätze die Mut machen, die professionelles Handeln in guten Rahmenbedingungen sicherstellen und die Pflegende nach der Krise mit einem nachhaltigen Erholungsplan in die Normalität zurückbegleiten, die nicht mehr so aussehen wird wie vor der Pandemie. Eine Normalität, die auch in zukünftigen Ausnahmesituationen immer wieder neu gestaltet werden muss. Berufs- wie auch gesellschafts-politisch ergibt sich hier ein großer Auftrag. Konkrete Maßnahmen und eine zugehörige Studienlage, die die Entwicklung der Situation strukturiert erfasst und Evidenz zu möglichen Interventionen liefert, sind in Deutschland dabei bisher noch viel zu wenig beachtet und vorangebracht. Aber auch jeder Einzelne, von den Organisationsverantwortlichen bis zu den Pflegenden im praktischen Einsatz kann seinen Beitrag leisten, Ideen und Lernerfahrungen einbringen und v.a. aufmerksam auf sich selbst und den Kollegen, die Kollegin neben sich achten und ernsthaft fragen "… und wie geht’s Dir?" Egal, wie die Antwort
ausfällt – jeder sollte wissen, dass und wo es Unterstützung und Hilfe gibt, für einen guten Weg damit umzugehen.

Anregungen für weiterführende Untersützungsmaßnahmen

  1. Direkter, individueller Zugriff auf psychologische Unterstützungsangebote zur Entlastung, sowie zu weiterführender fachlicher Beratung und Begleitung, zielgruppenspezifische Bewerbung
  2. Informelle Gesprächsangebote der Seelsorge (z.B. Cafeteria Präsenz Zeiten)
  3. Rückzugsräume/Wellbeing Areas (ggf. mit Getränke- und Snack-Angebot)
  4. Feierabend-Checkliste
  5. (Online-) Kurse für physische und mentale Wellness/Gesundheit (Ernährung, Körperliche Aktivität, Achtsamkeit, Schlafqualität, Burn-Out-Prävention bzw. -Reduktion)
  6. Gesundheits-, Wellness- und Entspannungs-Apps
  7. Aktive Entstigmatisierung psychischer Erkrankungs- und Belastungssymptome, die durch das Erleben außergewöhnlicher Stresssituationen im Bereich der Gesundheitsversorgung ausgelöst wurden
  8. Entwicklung unterschiedlicher Formate zur Förderung von kollegialem Austausch und dem offenen Gespräch darüber, wie es geht (Integration, Zugehörigkeit, Reduktion von Isolation)
  9. Erfolge feiern (z.B. nach Hause Entlassene nach ausgestandener Covid-19-Erkrankung)
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